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Die Meeresströmungen.
Schwere Sturmsee.
so konnten die Fluthwellen buchstäblich haushoch die Ufer der Nordsee über-schwemmen. Tausende wurden in den "Wogen begraben, ganze Dörfer und weitesAckerland von dem empörten Elemente verschlungen.
Die Strömungen, Sie sind die dritte Art der gesetzmässigenBewegung des Meeres. Wie die Winde einen Wärmeaus-gleich zwischen der kalten und der heissen Zone vermitteln,leisten in den Oceanen die Strömungen dasselbe. Das Wasserist sogar, vermöge seiner hohen specifischen Wärme undgrösseren Dichte, noch geeigneter zum Wärmetransport. Indessdecken sich der oceanische und atmosphärische Kreislauf durch-aus nicht. Die Gründe hiefür sind mehrfacher Art. Zuvörderstist zu erwägen, dass die Erwärmung des Meeres von der Ober-fläche aus erfolgt, und nicht vom Grunde, wie bei der Lufthülle,wodurch die Veran-lassung zu grossenaufsteigenden Strö-mungen im Meereentfällt.Ferner habendie Meeresströmun-gen nicht eine freieBahn wie die Luft-strömungen, sondernihre Bahnen unter-liegen dem Einflüssevon Inseln und Fest-ländern, an denen sievorüberziehen. Auchdie Verschiedenheitder klimatischen Ver-hältnisse in beidenHemisphären spieltbei den Meeresströ-mungen, nicht aberbei den Luftströmun-gen eine Rolle.
Die Meeresströ-me werden theilsdurch die bestehen-denT emperaturunter-schiede und Dichtig-keitsdifferenzen(Mee-re in warmen Erd-strichen sind dichterals die Polarmeere)in Folge der Verdun-stung, theils durch
Luftströmungen hervorgerufen. Die aus letzterem Anlasse erregte Meeres-bewegung nennt man Oberflächenströme. Sie sind am stärksten inder Calmenzone ausgeprägt, wo der Passat ausgiebig und regelmässigauf die Fortbewegung des Wassers wirkt. Auf diese Weise entsteht dieAequatorialströmung — nach Anderen in Folge der grossen Flug-kraft in der Aequatorialregion. Auf ihrem Wege nach Westen stösstdie grosse Aequatorialströmung auf das südamerikanische Festland, wosie sich mehrfach spaltet. Die grössere Masse wendet sich bald, nachdemsie entlang der Küste in südwestlicher Richtung verlaufen, nach Süden —also vom Festlande ab, dann nach Südost, schliesslich nach Ost, in derRichtung nach dem Cap der guten Hoffnung.
Ein verhältnissmässig schwacher Nebenstrom verbleibt als „Brasilia-nischer Strom” an der Ostküste von Südamerika und verläuft über dasCap Horn hinaus. Ein dritter Ast endlich, gleichfalls von geringer Mächtig-keit, aber grosser Geschwindigkeit, geht von der Aequatorialströmung beiihrem Anpralle am südamerikanischen Festlande in nordwestlicher Rich-tung ab, dringt in das Antillenmeer und in den Golf von Mexiko ein,um zuletzt zwischen der Spalte von Florida und der Insel Cuba durch-zubrechen und als Golfstrom in weitem Bogen zu verlaufen. Wirkommen auf diesen letzteren weiter unten zurück.
Im nördlichen Theile des Stillen Oceans wiederholt sich der soeben besprochene Vorgang inräumlich grösserem Maassstabe: ein ungeheuerer kreisender Wirbel, dessen Westseite vom japa-nischen Kuro Siwo (dunklen Strom), der die Fortsetzung der Nordäquatorialströmung ist, ge-bildet wird. Mit Recht hat man den Kuro Siwo den „Golfstrom des Stillen Oceans” genannt.Für ihn scheint das von den grossen Sundainseln und der Philippinengruppe umklammerte Chine-sische Meer eine ähnliche Bedeutung zu haben, wie die Antillen und der Golf von Mexiko fürden Golfstrom. Der Kuro Siwo wird zuerst zwischen den Philippinen und der Insel Formosafühlbar, wo er mit grosser Heftigkeit nordostwärts abströmt, so dass dessen Geschwindigkeit anden Küsten der Japanischen Inseln bereits 5 bis 6 Kilometer beträgt. Oestlich derselben spalteter sich in zwei Aeste, von denen der kleinere nach der Küste von Kamtschatka hin ablenkt,während der eigentliche Hauptstrom nach Nordwesten verläuft. Er streift die Aleuten, die Halb-insel Alaska, wendet dann ostwärts, wobei er auf das nordamerikanische Festland stösst, wodurcheine Ablenkung in südöstlicher Richtung erfolgt. Er gelangt fast in die Nähe von Californien.
Aehnlich dem grossen atlantischen Aequatorialstrome entwickelt sichauch in der Südsee die sogenannte Südäquatorialströmung. Parallel zuihr, streicht ein zweiter Hauptstrom — dieN euseelandströmung,die, nach Abgabe eines Astes nach Neu-Guinea, einen grossenWirbel in der Richtung nach Südwest, Süd und zuletzt Südostbildet. Zwischen der Nordäquatorialströmung und Südäquatorial-strömung (aber nördlich des Aequators) tritt die grosse äqua-toriale Gegenströmung auf, welche die ganze Breite desPacifischen Oceans, von der Küste Columbiens bis zu denPhilippinen einnimmt.
Die warmen äquatorialen Strömungen im nördlichen Beckendes Stillen Oceans erhalten nicht die ausgiebige Compensationdurch kalte Gegenströme, da die seichte Behringstrasse demWasser des Eismeeres zu wenig Ausgang gestattet. Wesentlichanders verhält es sich in dieser Beziehung mit dem Südpolar-meer. Dasselbe gestattet die Entwickelung eines mächtigen
Sturzsee.