Das Mittelländische und das Adriatische Meer.
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die Inselgruppen der fruchtbaren und paradiesischen Balearen und dernur aus einigen kleinen Eilanden bestehenden Pithyusen, und weiteröstlich — in der Mitte des westlichen Mittelmeerbeckens — erstreckt sichdie Doppelinsel Sardinien und Corsica, nur durch die schmale Strassevon Bonifacio getrennt, in genauer Nordsüdrichtung. In ihrer Ver-längerung trifft man im Süden auf Tunisien, im Norden auf den herrlichenLigurischen Golf (auch Golf von Genua genannt) mit dem schönstenUferstriche der Welt, der berühmten „Riviera” zwischen Cannes, Nizza,Mentone und Genua.
Im Golfe von Genua wurzelt die italische Halbinsel, welche insüdöstlicher Richtung ins Meer ausgreift und in dieser Längenrichtung fastsieben Breitengrade durchläuft. An der Ostseite des ligurischen Golfesliegt der grösste italienische Kriegshafen Spezia und befinden sich indessen Nachbarschaft die berühmten Marmorbrüche von Carrara. — Vonder Tibermündung bis Terracina erstreckt sich das flache Gestadeland der„Maritima”, abwechselnd Wald und Sumpf, Pflanzendickicht und Trümmer-sturz: eine Landschaft, in welcher Latiums einstige Herrlichkeit wie durchZauberspuk versunken ist. Am düstersten gestaltet, sich dieser Völker-friedhof in den Pontinischen Sümpfen, dem The.ile der Maritima, derzwischen Nettuno und Terracina liegt. Dreiunddreissig Städte lagen einstin diesem Striche; sie sind so spurlos vom Erdboden verschwunden, dassihre Lage nicht mehr zu bestimmen ist.
An die Maritima schliesst der kleine Golf von Gaeta, den man mitdem „Lande der Lästrygonen” in der „Odyssee” . identificirt. Beiläufigbemerkt, giebt es bei Gaeta keine Felsen (wie sie die Homer sehe Schilde-rung vorführt), sondern Orangengärten. In der Nachbarschaft aber befindetsich das Circei'sche Cap. Offenbar meinte man, jenes Gebirge, das aufder Südwestecke der pontinischen Sümpfe ruht, könnte vor Alters eine Inselgewesen sein, eben jene Insel der Kirke. Weiter öffnet sich der herr-liche Golf von Neapel mit den Wunderinseln dieser Gewässer, demhochrückigen Ischia und dem anmuthigen Capri. Ein zweiter .Golf erschliesstsich etwas südlicher, jener von Salerno. Der südlichste Theil der italischenHalbinsel öffnet sich zangenartig. Der westliche.Flügel wendet sich scharfnach Süden und Südwesten und ist nur durch einen schmalen Meeresarm,die Strasse von Messina, von der grossen Insel Sicilien. getrennt^jenem merkwürdigen Boden, auf welchem schon in ältester Zeitdie phönikische Cultur und nachmals die hellenische Fuss ge-fasst hatten. Der Nordküste von Sicilien liegen die Lipari-schen Inseln vor und steigen seit Menschengedenken aus demhohen Kegelberge des Stromboli Rauchwolken empor.
Diesen Abschnitt des Mittelmeeres nennt man das Tyr-rhenische Meer, nach jenen seekundigen Tyrrhenern, welcheasiatischen (lydischen) Ursprungs waien und die erste Ein-wanderung in Südeuropa repräsentiren. Was Sicilien an Herr-lichkeiten bietet, wird später zur Sprache kommen. Wir wendenuns weiter nach Süden, wo die Inselgruppe von Malta —bereits unter afrikanischem Himmel — liegt. Die Gruppe bestehtaus drei Eilanden, verwitterten Kreidefelsen, mit Steilküsten,ohne Flüsse und ohne Berge.
Fischer im Schwarzen Meere.
Die Wasserfläche, welche sich zwischen hier und demgegenüberliegenden Griechenland, sowie nach Norden hin er-streckt, ist das Ionische Meer. Ein Theil desselben ist derGolf von Taranto, eingeschlossen von den Halbinseln Cala-brien und Apulien. Das letztere endet in jenes niedere Halb-inselland, welches man den „Absatz” des „italienischen Stiefels”nennt. Sein äusserster, ins Meer hinausragender Punkt ist dasCap Maria di Leuca. Hier öffnet sich die Strasse vonOtranto, das Einlassthor in das Adriatische Meer.
Es ist unter allen Golfen, welche in den europäischen Continent einschneiden,landschaftlich der reizvollste, culturgeschichtlich der bedeutsamste und geographischder interessanteste. Nirgend anderswo, weder im Löwengolfe oder im nebelfeuchtenAermelcanal, noch in dem reichgegliederten nordischen Mittelmeere (Ostsee) drängensich die Erscheinungen des vergangenen und gegenwärtigen Lebens, die historischenund culturgeschichtlichen Ereignisse in solcher Fülle zusammen, wie an den Gestaden
Cadix.
der „blauen Adria”. Nur dieAegäische See, welche aber nurals Abschnitt des Mittelmeeresgelten kann und kein in sich ab-geschlossenes Gewässer bildet,könnte einen ebenbürtigen Riva-len abgeben. Dort, in der Adria,liegen die bedeutsamsten Denk-steine des Römerthums: Salona,Pola und vor allen Aquileja, dieErbin von Dyrrhachium und Romswichtigstes Bollwerk an der Adria.
Auch geographisch ist dasAdriabecken von hervorragendemInteresse, in erster Linie dasöstliche Küstenland mit seinemfjordartig durchbuchteten Gestadeund seinem malerischen Insel-gewirre. Stille, historisch undarchäologisch merkwürdige Ufer-städte liegen in vorzüglich ge-schützten Buchten und erinnernin kümmerlichen Resten an dieGlanzzeit Venedigs, der ErbinAquilejas.
Den Ostrand desAdriatischen Meeres bil-det die Balkanhalbinsel. Inihrer Gesammtheit hat siekaum Anspruch auf dieseBezeichnung, denn derpeninsulare Charaktertritt erst in der Südhälftedieses Landgebietes her-vor. Dieser südliche Theilbesitzt Küstenumrisse,