Karte 
Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
Entstehung
Seite
52
JPEG-Download
 

52

Die Atlantischen Küsten von Europ;

Spizza.

unwirthbare Meer später, als man die eingebildeten Schreckenvor dieser Wasserregion überwunden hatte, Pontos euxeinosdas wirthbare Meer. Die europäischen Uferländer desSchwarzen Meeres bieten ein ziemlich gleichartiges Bild. Vompontischen Küstenrande der Balkanhalbinsel war bereits dieRede. Der ganze Uferrand von den Donaumündungen bis zuden nördlichsten Ausläufern des Kaukasus ist flach wie dasganze dazu gehörige Hinterland.

Eine Unterbrechung dieser landschaftlichen Physiognomiebildet die Halbinsel Krim, die einzige, welche das SchwarzeMeer besitzt. Hier finden wir, von den Nordstürmen durch einenhohen Gebirgsriegel (Iaila-Dagh) geschützt, einen Küstenstrichvon fast italienischem Anstrich. Aber schon im Osten der Krimist die Küste wieder vollständig flach und bildet mit dem gleich-falls flachen gegenüberliegenden Festlande die Meerenge vonKertsch, durch welche das Schwarze Meer mit dem Azow-schen Meer zusammenhängt. Dieses letztere ist ein seichtes,schlammerfülltes Becken, in das sich zwei grosse, wasserreicheStröme Don und Kuban ergiessen. Das Azowsche Meerwird häufig von Stürmen aufgeregt. Seine grösste Tiefe beträgtnur 16 Meter. Vom December an ist das Azowsche Meer zu-gefroren und wird erst wieder im April eisfrei.

Der von der Krim west-lich und nördlich gelegenepontorussische Küstenrandbeginnt, wie bereits erwähnt,an den Donaumündungen understreckt sich bis zur Mün-dung des Don. Eine Eigen-thümlichkeit des Küstenstri-ches zwischen der Donau-mündung bis zum Dneprist, dass sämmtliche, auch dieunbedeutendsten Thäler inder Nähe ihrer Mündung nachSüden von langgezogenenSeebecken ausgefüllt werden,die man mit einem Worte derehemals dort herrschendengriechischen SpracheLi-man nennt und welche zumTheile einen sehr j starkenSalzgehalt haben, so dass ihreUmgebung den Salzpflanzeneinen triebkräftigen Bodenbietet. Gegen Odessa steigt die Küste allmählich an underreicht stellenweise eine Höhe von 30 Meter. Oestlich vonOdessa folgt der Dnepr-Liman, dann der Golf von Perekop,wo die Halbinsel Krim durch einen 8 Kilometer breiten und30 Kilometer langen Isthmus mit dem Festlande zusammen-hängt. Lagunen und schmale Nehrungen bezeichnen hier dieUfer. Das östliche Flachufer der Krim besitzt in der 112 Kilo-meter langen und nicht ganz 1 Meter hohenStrelka von Ara-bad eine Nehrung, die im Norden eine überbrückte, 70 Meterbreite Meerenge offen lässt. Mit dem Festlande der Krimschliesst diese Nehrung das sogenannteFaule Meer (Siwasch)ein, das sumpfig und grösstentheils mit Schilf bedeckt ist.

Die atlantischen Küsten.

Wir wenden uns nun dem Norden und Westen Europas,d. h. den Küsten des Atlantischen Oceans, zu. Derselbe führt inseinen einzelnen Abschnitten verschiedene Namen. Wir unter-scheiden das Skandinavische Meer den Theil an derWestküste der gleichnamigen Halbinsel die Nordsee,zwischen Skandinavien, Dänemark, Deutschland, Holland undEngland. Davon wird der Theil zwischen Norwegen und Jüt-land das Skager Rak, der zwischen Schweden und JütlandKategatt (Katzenloch) genannt. Hieran schliesst die Ostsee,eines der merkwürdigsten Binnenmeere der Erde. Es ist ganzvon Küsten eingeschlossen und hängt nur durch die drei Meer-engen Sund, Kleiner Belt und Grosser Belt mit dem Oceanzusammen. Der Sund ist nur 380 Meter breit. Im Osten buchtetsich dieses Binnenmeer in drei Golfe aus: den Bottnischen,Finnischen und Rigaischen.

Der Bottnische Meerbusen wird auch dasBaltische Meergenannt. Es bespült im Westen die Küste von Schweden, imOsten jene von Finnland, ein in mancher Beziehung merk-würdiges Land, mit Fjordenbildungen an seinen Uferrändernund der seltsamenfinnischen Seenplatte im Inneren einerAnsammlung von tausenden grosser und kleiner Wasserspiegel.Im Süden ist Finnland vom Finnischen Meerbusen begrenzt, indessen Hintergründe St. Petersburg am Ausflusse der Newa liegt. Dem Rigaischen Golfe lagern mehrere Inseln vor, derengrössten Oesel und Dagö sind. Das finnische Ufer aber istdicht besetzt mit insularen Küstensplittern, im Kleinen ein Ab-bild dessen, was die norwegische Küste darbietet. Auch derschwedischen Küste lagern mehrere Inseln vor. Die wichtigstensind Oeland und Gotland.

Was die deutschen Küsten der Ostsee anbelangt, sind die-selben besonders bemerkenswerth durch ihre Dünen und diemit diesen zusammenhängenden Haffe, den von Nehrungenjenseits abgeschlossenen Mündungsbecken der Flüsse. Es giebtdrei grosse Haffe an der deutschen Ostseeküste: das Kurische,in welches sich der Niemen ergibst; das Danziger Haff,das die Weichsel aufnimmt, und das Stettiner Haff, dasMündungsbecken der Oder.

Von diesen ist das Kurische Haff das interessanteste. Da es gewissermassentypisch für solche Bildungen ist, halten wir hier einzelne Details fest. Vor etwa200 Jahren hatte die kurische Nehrung eine ganz andere Bedeutung als heute. Nachden vorhandenen Schriften und Kartenwerken aus jener Zeit war die Nehrung starkbewaldet und dicht bevölkert. Das ist jetzt wesentlich anders. Bei der Fahrt vonTilsit nach Memel über das Kurische Haff bemerkt man schon aus beträchtlicherEntfernung die sogenanntenWeissen Berge die Dünen. Sie bestehen aus theilsvereinzelten, theils zusammenhängenden, ziemlich runden Kuppen mit meist steilen

Böschungen, von welchen der Sandfast unaufhörlich, bald leise, baldstossweise in das Haff fliesst. Nurstellenweise treten diese Kuppen vomUfer zurück und lassen einzelne kleine,mit kärglicher Weide bewachsene Flä-chen (Hacken) frei. Zumeist aber istes stundenlange Oede, ohne Halm,ohne Baum, ohne Anwesen nichtsals grosse Massen feinen, weissenSandes, über welchen der blaue Him-mel sich wölbt. Tn weiten Zwischen-räumen bemerkt man kleine Weiden-büsche, vereinzelte krüppelhafte Bäumeoder halb begrabenes Kieferngehölz.

Vielleicht der interessantesteTheil der kurischen Nehrung ist der-jenige, der im Bereiche des DorfesSchwarzort liegt. Unmittelbar beidiesem befindet sich der Rest einesvormals ausgedehnten Waldes. Er istanderthalb .Stunden lang und eineViertelstunde breit, geht aber seinemSchicksale, der vollständigen Versan-dung, unabwendbar entgegen. DerDünensand ist in wenig mehr alshundert Jahren um circa 6 Kilometerfortgeschritten. Es giebt Bäume (Kie-fern), welche bis 7 Meter tief im Sande stecken und nur mehr mit den Wipfeln ausdemselben hervorragen. In dieser Gefangenschaft verharren die Bäume durch ge-raume Zeit, bis die wandernde Düne so weit fortgeschritten ist, dass sie mehr undmehr wieder aus ihrer Verhüllung hervortreten. Aber nun ist es um sie geschehen.Sie sind längst abgestorben. Zehn Jahre haben sie im Sandgrabe zugebracht, undnun, da sich dieses öffnet, zerbrechen sie wie dürrer Zunder, werden von Sand undWind zerrieben und als .Staub zerstreut.

Der Strand der Nordsee wird auf der cohtinentalen Seitefast völlig von Dünen umsäumt. Desgleichen findet man an derdänischen Westküste wie bereits anderenorts erwähntDünen von grosser Mächtigkeit. Sie treten in mehreren Kettenhintereinander auf und durch die Thalöffnungen, die hin undwieder die Ketten unterbrechen, braust der Wind, wirbelt den

Landschaft an der Donaumündung.