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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Die Küsten der Nord- und Ostsee. Skandinavien.

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Südküste der Krim (Jalta).

Sand auf und bildet eine neue Hügelkette, dieser folgt einedritte, und so wandert die Düne landeinwärts . . .Nichts wider-steht dieser alles Leben begrabenden Gewalt: der Mensch musszurückweichen, so sehr er auch an der heimischen Scholle hängt;es bleibt ihm nichts übrig, als seine Hütte abzubrechen undweiter landeinwärts wieder aufzubauen. Mancher, dem in seinerJugend die Sonne hinter jener Düne unterging, sieht sie imAlter über derselben Düne aufgehen, bis endlich der wanderndeHügel die Ostküste erreicht und wieder im Meere verschwindet.Gegen die Macht der wandernden Düne vermögen menschlicheKraft und Kunst nichts oder nur sehr wenig; denn auch dieBepflanzung der öden Küsten durch Heckengesträuch schütztnur in ausnahmsweisen Fällen/ 7

Diesen Charakter trägt auch die deutsch-holländischeKüste der Nordsee. Die Rolle, welche hier die Dünen alsSchutzwehr gegen See-Einbrüche spielen, wurde bereitsandernorts gedacht. Eine Schnur von Eilanden liegt dieserKüste vor, darunter das als Seebad berühmte Norderney.Diese Kette setzt sich jenseits der Elbemündung fort und legtsich dicht vor die Küste von Schleswig. Dieser ganze Küsten-rand, einschliesslich der Inseln, ist sinkendes Land. In eineräusserst instructiven Zusammenstellung G. K. Credner s sindverschiedene Thatsachen registrirt, welche für die Senkungsprechen. An der AVestseite der Insel Sylt finden sich sub-marine Torfbänke, die in ihrer Zusammensetzung identischsind mit den Waldmooren Schleswig-Holsteins.

In der Gegend von Romoe existirt ein submariner-Wald,welcher 3 Meter unter der heutigen normalen Fluthhöhe wurzelt.Unterseeische Süsswassertorfmoore begleiten die ganze nord-deutsche Küste bis zur Scheldemündung. Dasselbe gilt vonder Küste der Niederlande. Bei Sangatte und Wissant ander Nordküste von Frankreich sind unterseeische Wälder mitKnochen von Auerochsen und Schalen von Süsswassermuschelnnachgewiesen.

Es ist demnach begreiflich, dass dieser Küstenstrich der Nordsee im Laufeder Jahrhunderte fortgesetzt Umformungen unterlag. Wir haben an anderer Stellevon den verheerenden See-Einbrüchen durch Sturmfluthen gesprochen und brauchenhier dieselben nicht zu wiederholen. Charakteristisch ist eine Stelle bei CorneliusKempius in dessen Chronik aus dem 16. Jahrhundert . . .Wenn der Wind vonNorden her zu wehen beginnt, dann stürzt das Meer mit einer solchen Wucht heran,dass die Thürme der höchsten Kirchen, die höchsten und festesten Häuser erschüttertund häufig sogar niedergeworfen werden. Die entwurzelten Bäume werden auf denBoden geschleudert und die grössten Schiffe auf die Küste gehoben. Darum hat manFriesland mit einem Gürtel von Erdwällen umgeben. Da aber zu Zeiten selbst

diese Wälle nicht genügen, um die wüthenden Fluthen abzuhalten, haben die Be-wohner ihre Behausungen auf kleinen künstlichen Erdhügeln aufgerichtet, welche imFalle einer Ueberschwemmung ihnen und ihren Heerden Zuflucht gewähren. ,

Heutzutage ist, dank den prachtvollen Werken, welchejenes fruchtbare Land schützen, eine Rückkehr jener Unglücks-fälle weit weniger zu befürchten. Gleichwohl wurde noch indiesem Jahrhundert (1825) der dritte Theil von Friesland durchMeeresfluthen, welche die Deiche durchbrochen hatten, über-schwemmt. Die Herstellung der Deiche aber erfordert gewal-tige Anstrengungen. Es genügt nicht, ganze Wälder aus weiterFerne in Form von Piloten an die Dünenküste zu verpflanzen;sie bedürfen auch des Schutzes gegenüber den Xylophagen,den holzfressenden Insecten, Infusorien und ähnlichen Thieren.Jede einzelne Pilote muss, bevor sie eingerammt wird, mit einerEisenrüstung überzogen werden, um nicht in wenigen Jahrendie Beute der Bohrwürmer und weissen Ameisen zu werdenoder in Fäulniss zu gerathen. Mittelst einer grossen Zahl breit-köpfiger Nägel, die man knapp nebeneinander in die Pfähletreibt, wird die vorschwebende Absicht wohl bis zu einem ge-wissen Grade erreicht.

Aus den flachen continentalen Küsten der Nord- undOstsee wächst die gleichfalls tafelebene Dänische Halbinselheraus und verläuft in gerader nördlicher Richtung. Auf ihrerOstseite liegt ein ganzer Archipel, welcher eine Art Verbindungmit dem gleichfalls flachen südlichen Theil von Schweden her-stellt. Diese dänischen Inseln sind Fünen, Laaland, Falster,

Dünenküste am Kuriscben Haff.

Möen, vor allen aber Seeland, mit Kopenhagen, der däni-schen Haupt- und Residenzstadt.

Weiter gegen Norden erstreckt sich die Halbinsel Skan-dinavien, welche die grösste unseres Erdtheiles ist, besonderswas ihre Längenausdehnung betrifft. Sie umfasst in nordsüd-licher Richtung mehr als 15 Breitengrade, ist also mehr alsdoppelt so lang wie die italische Halbinsel und an ihrer breite-sten Stelle (zu Beginn des südlichen Drittels) dreimal, sonstdurchschnittlich zweimal so breit als jene. Da wir in diesemCapitel nur von den Küstenumrissen zu sprechen haben, er-I wähnen wir vorläufig nichts über die physikalischen und allge-mein geographischen Verhältnisse des Inneren von Skan-dinavien.

Um so empfehlenswerther ist ein allgemeiner land-schaftlich-physiognomischer Ueberblick. Ueber den SkagerRak nordwärts hinaus empfindet man sofort, dass wirunter den nordischen Himmel treten. Das ist gleich beiChristiania, der norwegischen Hauptstadt, der Fall, wennwir den schmalen Fjord hinaufsteuern, oder an den erstengrossen Fjorden der Westküste von Norwegen vorüber-kommen, oder dem romantisch gelegenen Bergen gegemüberstehen, das, zwischen Uferhöhen gelegen, in siebenBergfalten eingebettet ist und sich eigentlich als eineSchnur von kleinen Städten giebt, welche durch steileFelsen von einander geschieden sind.

Weiter nordwärts geht es stundenlang zwischen Inseln und Festland,wie durch Engpässe. In einem derselben, den man denGarten Norwegensnennt, liegt Drontheim (Tronthjem), die alte Krönungsstadt mit derehrwürdigen Olaf-Kathedrale im Hintergründe. An einsamer Küstenhöhe,in stiller Fjordenbucht, ergreift uns der Zauber der Schifffahrtüber Spiegel-wogen nach Balders Hain (Frithiofsage). Aus dem weissen Meerschaumschwillt die schneeige Brust Ingeborgs. Es ist die Heimat der Wikinger, diezu Zeiten Besseres kannten als wilde Sturmfluth. Sie zogen es vor, mitschlanken Königstöchtern zu kosen, anstatt, die Hand am Steuer, gegen den

Deichlandschaft auf Sylt.

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