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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Der Boden Europas, Das Tiefland. (Das osteuropäische Tiefland.)

Der Boden Europas.

Das Tiefland.

In ihrer Gesammtheit zerfällt die Bodenfläche unseres Erd-theiles naturgemäss in zwei Theile. Eine Linie von der Weser-mündung bis zum Schwarzen Meere scheidet nämlich das grossezusammenhängende Tiefland Nordosteuropas von dem Gebirgs-lande Südwesteuropas. Als völlig isolirtes Gebirgsland giebtsich die als ein mächtiges Hochplateau aufgebaute Skandi-navische Halbinsel. Die Gebirgsländer des südwestlichen undsüdlichen Europa stellen sich im Grossen und Ganzen als Hoch-ebenen dar, auf welchen reiche Gebirgsglieder aufgesetzt sind,so dass jene selbst nur in geringen Erstreckungen den Cha-rakter der reinen Hochebenen beibehalten.

Die mittlere Höhe Europas wurde von Alexander v. Humboldt auf 205 Meterberechnet. Neuerdings hat G. Leipoldt auf Grund der erweiterten Kenntniss vonden bodenplastischen Verhältnissen unseres Erdtheiles die mittlere Höhe mit circa300 Meter festgestellt. Daraus erhellt, wie gering der Einfluss der Gebirgsmassen aufdie Gesammthöhe des Festlandes ist. Leipoldt hat ferner berechnet, dass die Pyre-näen, auf ganz Europa gleichmässig vertheilt, eine durchschnittliche Basiserhöhungvon nur 8*1 Meter ergeben würden. Bei den viel massenhafteren Alpen beträgt dieserEffect noch immer nur 27-2 Meter. Dagegen würde die Iberische Halbinsel, welchein ihrer Gesammtheit ein massiges Tafelland und im Durchschnitt 700 Meter hochist, auf den Continent ausgebreitet, diesen um 43 Meter erhöhen.

Die auffälligste Thatsache ist wohl die, dass die Ebenen, welche weitaus dengrösseren Flächenraum einnehmen, trotz ihrer geringen absoluten Erhebung, gleich-wohl eben wegen ihrer grossen räumlichen Ausdehnung einen schwerwiegendenFactor in der durchschnittlichen Erhebung des Continents abgeben. Das russischeEuropa zum Beispiel, welches sich nur zu einer mittleren Elevation von 167 Metererhebt, trägt damit zur allgemeinen Erhöhung des Continents gleichwohl um 90 Meterbei, also dreimal mehr als die Alpen.

Durch die Weichsel wird das nördliche Tiefland, welchesüber 6*4 Millionen Quadratkilometer Fläche einnimmt, in einengrösseren östlichen Theil sarmatischen und in einenkleineren westlichen Theil germanischen geschieden.

Halten wir uns zuvörderst das Gesammtbild des sarma-tischen Tieflandes vor Augen. Es ist eine wellige Ebene,welche überall den Horizont freilässt. Sie besteht aus einemGranitgrunde, auf dem eine 130 bis 260 Meter mächtige Erd-decke ans Thon, Sand, Mergel und Kalk ruht, die zum Theileden fruchtbarsten Ackergrund bildet, sehr verschieden von demtrockenen Meeresgründe der asiatischen Ebene, deren Bodengrösstentheils aus Sand, Kies und Geröll besteht. Im weitestenSinne ist das ganze europäische Russland ein Erdraum von5V2 Millionen Quadratkilometer mit dem sarmatischen Tief-lande identisch. In demselben erscheint, als relativ grösste Er-hebung, das sogenannte Waldaiplateau (351 Meter) zwischenSt. Petersburg und Moskau, mit den Quellen der Wolga undDüna. Von dieser kaumnennenswerthen Boden-anschwellung gehendrei niedere Bergzügeab, die nach und nachins Flachland überge-hen: gegen Nordostendie Schemekon sky-schen Höhen, gegenSüdwesten (gegen dieKarpathen hin) derWo 1-chonskywald, gegenSüdosten, dem Laufeder Wolga folgend, einunbedeutender Land-rücken. Zwischen diesenAesten, zum Theile mitdiesen verbunden, strei-chen Hügelreihen, wel-che wohl streckenweisekurze Defilees, aberkeine Thäler bilden.

Charakteristisch fürden grössten Theil deseuropäischen Russlandist eine dreifache Zone,die je nach der Art ihrerBodenbedeckung typi-sche Landschaftsbilderabgiebt: das Waldge-biet, die Culturebeneund das Steppenge-

biet. Das bewaldete Russland, das von den Ufergegendender Ostsee und des Weissen Meeres bis an die Waldaihügelreicht, umfasst einen Erdraum, der ungefähr dreimal so grossist wie die österreichisch-ungarische Monarchie. Man unter-scheidet zwei Wäldermassen: eine westliche in Polen und denwestlichen Gouvernements, und eine östliche, die sich nachNordost bis zur Petschora und dem Ural erstreckt. Weiternach Norden hin, unter dem Wendekreise, hört der Wald all-mählich auf und es folgt der unwirthbarste Strich Europas, diedurch ihre Oede Schrecken erregende timanische Tundra.

An diese Wald- und Tundrenregion schliesst eine Ueber-gangszone, welche vom mittleren Dnepr bis zum Ural reichtund beiläufig eine halb so grosse Fläche einnimmt als die vor-stehend erwähnte. Die Bevölkerungszahl aber ist eine doppeltso grosse; denn während im russischen Waldgebiet 9 Millionensiedeln, beherbergt dergewerbliche Landstrich Russlandscirca 16 Millionen Menschen auf einem Erdraume, der so grossist wie die österreichisch-ungarische Monarchie und Süddeutsch-land zusammen genommen. In der Gegend von Moskau wirddas Land auffallend hügelig; Wälder kommen aber nur mehrin der Nähe der Flussufer oder in den Seitenthälern vor.

Das eigentliche Culturland ist der Strich vom mittlerenDnepr (Gouvernement Tschernigow) bis zum Ural dieKorn-kammer Russlands mit einem Areal, das der vorerwähntenUebergangszone gleichkommt, welches aber über 19 MillionenMenschen beherbergt. Gegen Süden ändert sich der Cha-rakter des Landes fast ohne allen Uebergang. Eine unabseh-bare Fläche breitet sich aus, ohne Baum, ohne Gesträuch, ohneSchatten, ohne Wasser, nur mit abgestorbenen Weidenbäumenbestanden, welche als Wegweiser dienen. Pferde und Schaf-heerden beleben diese Tschernojesemdie schwarze Erde welche einen Flächenraum, gleich dem des Deutschen Reiches,einnimmt und in einer Ausdehnung von circa 2100 Kilometervon Krementschug am Dnepr bis über die Wolga hinaus reicht.Nach Süden hin nimmt der Culturboden ab und tritt die Vieh-weide an seine Stelle. Als Grenzlinie kann der Parallel vonJekaterinoslaw gelten.

Die ganze Region südlich dieser Linie ist baumleer; nurin den Sumpfniederungen und Flussthälern kommen hie und daBaumgruppen vor. In der mittleren Region ist urbares Landund Wald gemischt. Die am Rande des Schwarzen Meeressich erstreckenden Steppen sind ein ungeheueres Weideland,welche die unermesslichen Heerden Russlands ernähren. Eineähnliche Ausnützung des Thierreiches findet man nirgendsonstwo.

Russisches Dorf an der Wolga.

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