West- und Süd west-Europa.
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hohen, wenn auch aussergewöhnlich herben Genuss bereiten . . . Dass wir hierin der That mitten in der ossianischen Welt stehen, erkennt der Literatur-kundige sofort. Einer dieser Felseilande ist ja Staffa, deren Basaltgebildeden Säulensaal der gefeierten Fingalshöhle einschliessen. Die schwarzenFelsen, die tiefdunkle See mit ihren weissen Schaumrosen in der Brandungund das Geheul des Weststurmes, der hier fast beständig tobt und keineVegetation aufkommen lässt: sie sind der stimmungsvollste Schauplatz für dieuralten schottisch-irischen Heroenkämpfe.
In diese Natur — oder wenn man so will: ossianischeWelt — treten wir nochmals ein, wenn wir die der Nord-küste von Schottland vorgelagerte Gruppe der Orkney-inseln (Orkaden) besuchen. Sie bilden gewissermassen dieFortsetzung des schottischen Hochlandes, von welchemsie durch die kaum io Kilometer breite Pendlandstrassegeschieden sind. In ihrer gegenwärtigen Gestalt bilden sieeine Gruppe von 67 Eilanden, von denen viele nur nackteFelsklippen („Holmen”) sind. Bewohnt sind ungefähr 28dieser Eilande, also nicht einmal die Hälfte. Die bedeu-tendsten sind Mainland und Pomona. Im Winter werdenauf den Orkaden häufig intensive Nordlichterscheinungenbeobachtet, deren röthlicher Glanz Inseln und See wieein Feuermeer umwallt. Dafür kann es sich zu anderenZeiten treffen, dass Nebel so dicht einfallen, dass an einFortkommen im Freien ohne Laterne nicht zu denken
In klimatischer Beziehung noch schlimmer daran sind die Färöer, eine Gruppevon Felsinseln, welche in dem weiten Meeresraume zwischen Irland und Schottlandliegen und aus einem fast immer erregten Meer emportauchen. Nähert man sich vonSüden her der Gruppe, so steigen aus dem dichten Nebel mehrere hintereinander-liegende Felsreihen und Berge auf, meist schroff und steil ihre schneebedecktenHäupter zum Himmel erhebend. Die grauen Dunststreifen, die wie ein Trauergewandvon den Bergen herabhängen oder deren Gipfel verschleiern; das stürmische, oftfurchtbar erregte Meer, welches die Felsen umbrandet: das alles trägt dazu ei,diesen Inseln die düsterste und seltsamste Physiognomie zu verleihen. .
Besonders gefährlich sind die Gewitterstürme im Winter. Das bestän lg unruhige Meer ruft in diesen Felsenlabyrinthen grossartige Brandungen, Strömungenund Strudel hervor, von deren Gewalt man sich kaum eine Vorstellung mac en rann.Die Sturmstösse erfolgen meist böenartig, und zwar derart heftig, ass Je ermann
ist.
Steilküste auf Staffa.
sich platt aut die Erde legen muss, will er von der Windsbraut nicht fortgeschleudertoder in einen Abgrund geworfen werden. In gleich heftiger Weise tritt an dieseneinsamen Eilanden die Fluth auf. Springfluthen bieten das denkbar grossartigsteSchaustück. Damit nicht genug, befinden sich im Bereiche der Inseln Wirbelströme— sogenannte Maalströme — welche den Schiffen in hohem Grade gefährlichsind. Die Faröer liegen demnach so recht eigentlich in einem Hexenkessel des nord-atlantischen Beckens.
Im Südosten von diesen Eilanden, näher zu den Orkaden,liegen die 100 Inselchen, Eilande und Klippen der Shetlands-gruppe, die im Grossen und Ganzen ein ähnliches Bild ab-geben wie die vorgenannten . . . Nordwestlich der Färöer folgtdie grosse oceanische Insel Island, mit ihrer Nordküste bereitsden Polarkreis erreichend. Sie ist namentlich bemerkenswerthwegen ihrer Vulcane und Geysir, über deren gewaltigeThätigkeit andernorts die Rede war. Die Küsten zeigendurchwegs Fjordbildungen, die an manchen Stellen nochimposanter sind als jene an der norwegischen Küste.
Wir greifen nun den Faden wieder dort auf, wowir ihn fallen gelassen — an der Strasse von Calais.Sowohl die Küste von England, als jene von Frank-reich sind reichlich durchbuchtet. Der ersteren liegt dielandschaftlich anmuthige kleine Insel Wight vor,während auf französischer Seite ein kleiner Archipel —die Normannischen Inseln (Jersey, Guernsey u. s. w.),politisch zu Grossbritannien gehörig — in die grosseBucht eingelagert sind, welche die normannische Halb-insel (mit Cherbourg) und die bretonische (mit Brest)einschliessen.
Auch die Westküste von Frankreich ist aus-gezeichnet durch reiche Gliederung; die vielen Buchtengeben vorzügliche Häfen ab. Grössere Flüsse, wie Loireund Garonne, weisen tiefe Mündungsbuchten auf. DieseWestküste schliesst mit der im rechten Winkel an-stossenden Nordküste Spaniens den Meerbusen vonGascogne oder den Biskayischen Golf ein.
Um unsere Umschau an den Küsten von Europazu beschliessen, erübrigt uns nur noch die IberischeHalbinsel. Obwohl dieselbe im Grossen und Ganzenals eine fast rings vom Meere bespülte und nur an einerverhältnissmässig schmalen Seite (Pyrenäen) mit Europazusammenhängende Hochfläche sich darstellt, würdegleichwohl ein Steigen des Meeres um circa 150 Metergenügen, die Iberische Halbinsel in eine Insel zu ver-wandeln, da durch die Senkung des Ebrothaies dieFluthen des Biskayischen Golfes mit jenen des Löwen-golfes sich vereinigen würden. — Während die Nord-küste der Iberischen Halbinsel von einer bis zu Höhenvon 1950 Meter sich erhebenden Gebirgskette — derAsturisch-Cantabrischen — begleitet wird, treten an derWestküste — der portugiesischen — die grossen Längen-thäler, welche die Halbinsel durchziehen, ans Meer, undhier fehlt es nicht an flachem Uferland, wie beispiels-weise in der Provinz Alemtejo, deren Nordende nur all-mählich zum Meere sich abdacht. Als die Eckpfeiler derIberischen Halbinsel im Westen dürfen wir im NordenCap Finisterre, im Süden das Cap von S. Vincentansehen. Unweit von Lissabon ragt an der Tejomündungdas Cap Roca als westlichster Vorsprung des europäi-schen Festlandes in den Ocean hinaus.
Der Dyrafjord auf Island.
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