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A. Westeuropa. — III. Frankreich.
Biarritz.
Die Küsten.
Wir haben in unserem europäischen Uebersichtscapitelflüchtig der französischen Küsten und der bodenplastischenVerhältnisse des Inneren von Frankreich gedacht. Wir müssendiese Dinge nun etwas ausführlicher behandeln und wendenuns zuvörderst den Küsten zu.
Am äussersten Westpunkte der Pyrenäen, wo das Grenz-flüsschen Bidassoa ins Meer fällt, weist die westeuropäischeKüste in mancher Beziehung eigenthümliche Gegensätze auf.Die spanische Küste verläuft von Osten nach Westen und istkeineswegs durchgehends flachufrig, allenthalben aber imHintergründe von hohen Gebirgen erfüllt; die französischeKüste zieht von Süd nach Nord und ist — wenigstens was diesüdliche Hälfte anbetrifft — durchwegs flach, mit ebenemHinterlande.
Diese südwestlichste Ecke von Frankreich ist in mancher Beziehung interessant.Bayonne, Biarritz, die Garonne, der schäumende Adour, die silbern erglän-zende Nive und vollends die Baskische Bucht: wie reich und mannigfaltig istdieses Bild! Im Bereiche von Biarritz ragen allenthalben Klippen aus dem Meereauf. Sie sind offenbar die westlichsten Zacken und Spitzen des nordwestlichstenPyrenäenzuges, die, vom Festlande abgetrennt, unter der brandenden See mit jenemein geologisches Ganze bilden. Die mächtigste dieser Klippen — die Attalaya —krönte einst ein Hafenfort; es ist zerfallen und auf den Trümmern erhebt sich eineSeewarte, der beliebteste Ausflugsort der Biarritzer Badegäste. Bayonne und Biarritzsind von einem ausgezeichneten Klima begünstigt. Wenn im Spätherbste auf denPyrenäen schon allenthalben Schnee liegt, lächelt über jenen Küstenplätzen nochimmer ein sonniger Himmel. Wärme und Licht gelangen aber nicht überall hin, denndie Gassen, welche beispielsweise in Bayonne zur Höhe der Kathedrale hinaufführen,sind eng und finster. Das gilt auch von jenen Gassen, in welchen sich die Arcadenbefinden. Der Ort ist von alten Befestigungsmauern eingeschnürt, doch giebt es aufden Wällen boulevardartige Spazierwege. Leben und Bewegung in dem engen Raumegeben überdies der Adour und die Nive, zwei Bergflüsschen, die sich im Herzen derStadt vereinigen.
Etwas südlicher, fast hart ander spanischen Grenze, liegt das ma-lerische St. Jean de Luz; das Meerdringt hier mit einem langen Canalherein und in diesem spiegeln sich diehohen Berge, die altersgrauen Mauernund die braunen Thürme: Meer undAlpenland in einem Bilde!
Gleich nördlich von Ba-yonne beginnt die öde, vonDünen besetzte Flachküstevon Westfrankreich, welchesich durch zwei Breitengradebis zur Mündung der Gi-ronde (des Meerescanals, inwelchen die Garonne unddie Dordogne fallen) er-streckt. — Dieses Gebiet sinddie „Landes”.Der Abschnittbis zur Bucht von Arcachon— der einzigen Unterbre-chung im linearen Verlaufeder Küste — heisst die„Grandes Landes”, der Theil
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sumpfung und Verbrackung dieses Küstenstriches. Dies verhält sich nämlichso: Die Neigung des Küstenlandes ist so gering, dass der geringste Zufall,oder vielmehr die geringste Unebenheit des Bodens, z. B. der Fusstritt einesThieres, oder eine Heidekrautwurzel, die Neigung unterbricht und dasWasser verhindert, den vorhandenen schwachen Bodenneigungen zu folgen.Allerdings wurde auf die Thatsache hingewiesen, dass auf jedem beliebigenPunkte der Landes in der geringen Tiefe von 3 bis 4 Decimeter Wasser an-zutreffen ist und. daran den Vorschlag geknüpft, Gräben von etwa 6 bis7 Decimeter Tiefe herzustellen, um den Abfluss des Wassers zu ermöglichen.Derzeit aber stauen die Bäche und Quellen und bilden eine Kette vonLachen, Teichen und kleinen Seen, deren verderbliche Ausdünstungen dieAnsiedelung verhindern.
Am Gestade des Oceans haben Wind und Wellenim Laufe der Zeit eine Zone von Dünen gebildet, derenBreite zwischen 2 und 8 Kilometern wechselt und derenHöhe an manchen Stellen über 50 Meter beträgt. Dieeigentlichen Landes, welche tiefer im Lande liegen, sindTuffsteinboden und tragen, da sie keine stehenden Wasserhaben und undurchdringlich sind, unzählige Sandbänke.In Folge ihres hohen Randes bilden sie trichterförmigeLöcher von mehreren Metern Tiefe. — In der heissenJahreszeit brütet über diesem ganzen Gebiete Westfrank-reichs Fieberluft — unter einem blauen Himmel und beieiner milden Temperatur, welche zwei Ernten im Jahre ge-statten würde, wenn nicht die besprochenen erbärmlichenZustände herrschten.
Schon im Juni wird die Hitze so gross, dass die Pflanzenverdorren; im Winter aber giebt es immer Ueberschwemmungen.Die vSteppe ist nur stellenweise etwas fruchtbar. Der einzigeSegen der Heideregion ist die Seefichte, die im elendesten Boden,wo kein Grashalm gedeiht, ohne Hinzuthun des Menschenwächst und ihm von mannigfachem Nutzen ist. Der grössteTheil der Bewohner führt in Folge dieser Zustände ein unstetesNomadenleben.
Fischer aus der Normandie.
nördlich hiervon die „Landesde Bordeaux”.
Die Dünen der Landes sinddie hauptsächliche Ursache der Ver-
Muschelsucher an der französischen Westküste (Landes).
Das gilt von den Harzsammlern, namentlich aber von den Hirten, die einecharakteristische Staffage der Landes abgeben. Sie schreiten nämlich auf Stelzen(„Changues”) einher, mittelst welchen sie sich ungefähr 6 Fuss über den Bodenerheben. Die Höhe des Heidekrautes, die Weite und Tiefe der Sümpfe, die grosseZahl der weidenden Thiere und die Nothwendigkeit, sich im gegebenen Fallegegen die Angriffe der Wölfe zu sichern, nöthigen die Leute, sich solcher Stelzenzu bedienen. Sie werden nicht mit den Händen gehalten, sondern sind an den Füssenfestgeschnallt. Die Leute gewöhnen sich von Jugendzeit daran und erlangen eine sogrosse Geschicklichkeit, dass sie fast immer in gerader Richtung gehen, sei der Bodennoch so uneben; sie laufen so schnell wie ein trabendes Pferd und tanzen nach denKlängen ihres Dudelsackes. Der lange Stock, den sie mitführen, dient ihnen einer-seits als Balancirstange, andererseits als Stütze, wenn sie rasten wollen. Wenn siestille stehen, oder auch selbst im Gehen, stricken sie Strümpfe oder geben sich sonsteiner Beschäftigung hin, die eine grosse Vertrautheit mit dem seltsamen künstlichenPiedestal voraussetzen lässt.
Ungefähr in der halben Küstenlänge zwischen Bayonneund der Girondemündung öffnet sich die Bucht von Arcachon.Der Ort gleichen Namens, früher ein unbedeutendes Fischer-dorf, ist derzeit nächst Biarritz das besuchteste Seebad Frank-reichs an dieser Küste. In der Ebbezeit allenthalben trockenliegend, füllt sich dieses, ungefähr 15.000 Hektar einnehmendeBecken in der Fluthzeit mit Wasser, ausgenommen die in derMitte des Beckens liegende Insel (Ile des Oiseaux). Der Salz-gehalt ist im Bassin grösser als im offenen Meere, was sichaus der starken Verdunstung des AVassers in der Bucht er-klärt. Bei Niederwasser erscheint die Fläche der Bucht als einComplex von zahlreichen Bänken.
Es sind die einst für unerschöpflich gehaltenen Austernlager V011 Arcachon.Sie lieferten jährlich bei 75 Millionen Austern im Gesammtwerthe von einer Viertel-million Francs. In Folge der grossen Nachfrage wurden die Bänke so sinnlos aus-gebeutet, dass der Gesammtertrag im Jahre 1840 nur mehr — 1000 Francs betrug!Erst nach völliger Erschöpfung der Bänke wurden von Seite der Regierung Mass-regeln gegen die fernere Verwüstung derselben getroffen. Es war leider zu spät. Baldhierauf unternommene Versuche zur Wiederbevölkerung der Bänke scheiterten. NachActivirung der Anlagen von Lahillon und Crastorbe glaubte man die Handhabe