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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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A. Westeuropa. " III. Frankreich.

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Marseille (Quai de la Joliette).

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Moli sind so breit, dass ihren Quais entlang für Umladevor-richtungen und Waarenhallen, Strassen und Eisenbahnen, welcheden Verkehr mit der Stadt und deren einzelnen Bahnhöfenvermitteln, mehr als ausreichend Platz ist. Den Plan zu diesemMusterhafen hat der berühmte Hydrotechniker Pascal ent-worfen; die Ausführung erfolgte gleichfalls durch ihn im Ver-eine mit den Ingenieuren Namielle und Andreo Bernard.

Der Kriegshafen Toulon (84.000 Einwohner) ist der zweit-grösste Frankreichs. Die Marine-Etablissements dürfen dengrossartigsten dieser Art zur Seite gestellt werden; die Rhedeist eine der geräumigsten und sichersten in Europa. Das durchseine bewunderungswürdige Ordnung ausgezeichnete grosseSeearsenal mit seinen mannigfachen Bauten und dem grossen,auf künstlichem Wege hergestellten Bassin, dürfte nur wenigeRivalen haben.

Ihrer Beschaffenheit nach zerfällt die Südküste Frankreichsin zwei scharf zu trennende Abschnitte. Der westliche, welcherdenLöwengolf (Golfe du Lion) bildet und in welchen sichder mächtigste Strom des Landes die Rhone mit einembedeutenden, rasch wachsenden Delta ergiesst, ist flachuferig,mit Lagunen und Hinterwässern, Sümpfen und Sandufern.Dieser Abschnitt der Küste wendet sich im weiteren Verlaufegegen Westen allmählich nach Südwesten und zuletzt nachSüden und geht in den östlichsten Absturz der Pyrenäen über.In der Nähe derselben liegt die Grenzfestung Perpignan.Dieser Küstenstrich ist heiss und trocken und hat ein aus-gesprochen südeuropäisches Gepräge.

Der östliche Abschnitt der französischen Mittelmeerküsteist vielfach durchbuchtet und hat mehr oder minder hohe Ufer.Diese sind der Steilrand der südlichsten Ausläufer der ganzSüdost-Frankreich erfüllenden Seealpen. Die Grenzlinie zwischenbeiden Küstenabschnitten bildet der unterste Rhönelauf. Imöstlichen Abschnitte liegen Marseille und Toulon und erstrecktsich weiterhin gegen die italienische Grenze jener Uferstrich,welcher von Cannes ab alsRiviera seiner Naturschön-heiten und seines milden Klimas halber Weltruf geniesst.

Das erste Glied an dieser Perlenschnur ist Cannes. Das Auge haftet an einemprächtigen kleinen Golfe, den terrassenartig ansteigende Bergrücken umklammern.Die Umrahmung selbst ist sehr ungleich: im Osten eine langgestreckte niedere Halb-insel, im Westen die Felszacken eines massig hohen Gebirges. Den Hintergrundbildet eine einzige riesige Gartenterrasse, aus derem Grün zahlreiche weisse Pünktchenschimmern. Das sind die Villen und Landhäuschen des eigentlichen Cannes, das vondem gleichnamigen, wenig anheimelnden Fischerdorfe wohl zu unterscheiden ist.

Dort, auf der Bergterrasse mit ihren immergrünen Laubgängen, nehmen wirAufstellung und haben so das hellblaue Meer in unvergleichlichem Glanze zu unserenFüssen liegen. Mit bestrickender Weichheit schmiegt es sich rechts und links ansGestade und die Vorgebirge streben seewärts, als sehnten sie sich nach der Um-armung des feuchten Elementes. Unser Standort aber bietet uns wenig. Wir habenkeinen Einblick in die reizenden Asyle, in welchen vom Glücke bevorzugte Menschendie eilenden Stunden des Lebens verträumen. Ueberall hohe, dem neugierigen Blickewehrende Mauern, nur ab und zu ein offenes Parkthor, durch welches wir nur ver-stohlen in die immergrünen Lustgärten blicken. Ueber dem Ganzen schwebt bleierne

Langeweile. Das mag über'rraschen, ist aber gleichwohl so.

Cannes ist : nichtsAnderes als ein engli-sches Villendorf, das Lerben ganz nach englbschem Zuschnitt. DerEgoismus einerseits unddas Bedürfniss der Ab^geschlossenheit ander-seits haben hier dieN aturreize einer Clausurunterzogen, welche derfremde Besucher nichtzu brechen vermag. Erist inmitten der Prachtein Ausgeschlossener,der keinen Antheil hatan der reichbesetztenTafel glücklichererSchlemmer. Ungeheuerausgedehnte Promena-denwege, auf welchender Staub um die einher-rollenden Equipagenwirbelt, tragen gleich-falls nicht dazu bei, dasvielgepriesene Cannes,trotz aller seiner Herr-lichkeiten, für einen Auf-enthalt für Götter zuhalten.

Indess macht Cannes nicht die Riviera aus. So weit diesezu Frankreich gehört, fällt letzterem gerade das Hauptjuweldes Geschmeides das herrliche Nizza (Nice) zu. Beide Oert-lichkeiten liegen nur eine halbstündige Bahnfahrt von einander.

Zwar ist auch dieser Mittelpunkt der Riviera, das am meisten genannte, ammeisten besuchte elegante Allerweltsasyl, kein idyllischer Erdenwinkel. Manches, wasin früherer Zeit den Wanderer entzückte, ist nicht mehr, wie beispielsweise dieOrangen- und Palmenoase, welche ehemals an den Schlossberg sich schmiegte. Anseine Stelle ist ein Theil jenes glänzenden, modernen Nizza getreten, von demalleWelt schwärmt, weil hier der Luxus der Lebewelt sich mit raffinirtem Glanze ent-faltet und dem Lebensgenüsse mit künstlichen Mitteln nachgeholfen wird.

Allerdings ist nicht zu leugnen, dass auch dieser Luxus, dieses Entfalten gross-städtischen Glanzes, wie man ihn auf derPromenade des Anglais findet, seinenprickelnden Reiz hat. Es ist die subtilste Form des Culturlebens. Aber Naturgenussgiebt es hier kaum. Der Blüthenduft allein macht es nicht, und ebensowenig dasSäuseln der Federkronen herrlicher Palmen. Sieht man aber von diesen unver-meidlichen Dingen ab, dann fällt es nicht schwer, Nizza für einen begnadeten FleckErde zu erklären. Er ist es auf Grund der natürlichen Reize dieses Gestades vonvornher gewesen, und was das Modebedürfniss hinzugethan, kann uns nicht betrüben.Es ist der künstlich hervorgerufene prickelnde Reiz des Culturlebens, der in einemgewissen Gegensätze zu der anmuthigen Schönheit des Naturbildes steht und dadurchbeide Eindrücke getrennt, vielleicht auch unvereinbar, zur Geltung kommen lässt.

Die Insel Corsica. Sie ist eine der wichtigsten Inseln desMittelmeeres, interessant in Bezug auf seine Natur und seineBevölkerung. Das ganze Eiland ist eigentlich nichts Anderesals ein aus dem Meere aufragendes Gebirgsmassiv, dessenhöchster Gipfel, Mont Cinto, sich bis zu 2710 Meter über das

Französische Fischerboote, vom Sardinenfang heimkehrend.

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