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A. Westeuropa. — IV. Das Königreich Belgien.
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Antwerpen.
Kohlenmenge dürfte sich proJahr durchschnittlich auf 16 Mil-lionen Tonnen (320 MillionenCentner) belaufen, doch machtsich bereits eine Auskohlungeinzelner Gruben bemerkbar, sodass eine weitere Steigerung derProductionsmenge kaum mehr zuerwarten ist. Die Zahl der Kohlen-arbeiter in den belgischen Gru-ben beträgt weit über 100.000.
Andere Zweige derIndustrie, welche unge-fähr die Hälfte der Be-völkerung beschäftigt,sind: Leinen: Flandern,Brüssel, Mecheln, Tour-nai; Spitzen: Brüssel,Mecheln, Brügge, Lö-wen; Wollindustrie:Verviers; Lederfabri-kate: Lüttich, Gent,Tournai; Fayencen:Tournai, Andenne, Vin-cy; Glas: Lüttich, N amuretc. — Hinsichtlich derHandelsthät igkeitBelgiens genügt wohlder Hinweis auf die Stel-lung desselben als Indu-striestaatpar excellence,um die Bedeutung desLandes zukennzeichnen.
besonderer, durch französische und germanische Elemente versetzter Dialekt desRomanischen zu betrachten käme. Für Belgien ist die Existenz zweier Volksstämme,welche sich nach Abstammung, Sprache und Sitte unvermittelt gegenüberstehen,durchaus kein Segen. An Zwietracht und Reibereien fehlt es niemals. Der bestehendeGegensatz erhält auch noch dadurch eine Verschärfung, dass die Wallonen denVlamen geistig überlegen sind und das Französische nicht nur die herrschende Um-gangssprache aller Gebildeten, sondern zugleich die officielle Amts- und Landes-sprache ist. Politisch gravitiren die Wallonen nach Frankreich, die Vlamen nach denNiederlanden, dessen Bewohnerschaft sie unentwegt als den von ihnen „getrenntenBruderstamm” betrachten.
Das einzige Band, welches Wallonen und Vlamen vereint,sie als ein nationales Bindemittel zusammenhält, ist die Reli-gion. Die Belgier, zählen zu den eifrigsten Katholiken derWelt und die Geistlichkeit hat grossen Einfluss, auch in Regie-rungsangelegenheiten. Um diesen Einfluss zu stärken, hattesich die Geistlichkeit bald auf die Seite der numerisch zahl-reicheren Vlamen gestellt, und diesem Umstande, sowie derdaraus entsprungenen erhöhten Schulthätigkeit, verdanken esdie Vlamen, dass sie nach und nach eine gleiche Bildungsstufemit den geistig fortgeschrittenen Wallonen erreichten und ihreSprache vor der Entartung zu einem bedeutungslosen Local-dialekte bewahrten.
Culturverhältnisse. Für die Urproduction erweist sich der Boden zumgrossen Theil als sehr ergiebig. Die bestbebauten Provinzen sind: Antwerpen,Limburg, Ostflandern und Brabant. Gleichwohl deckt beispielsweise die Getreide-production nicht den Consum, was wohl der Uebervölkerung zuzuschreiben ist.— Die Viehzucht erstreckt sich auf Rinder (minderwerthig als in Holland),Schafe, Schweine, Pferde (Hennegau) und Kaninchen. — Die Seefischerei istnicht sehr ergiebig. — An mineralischen Producten besitzt das Land ausserKohle und Eisen keine, welche von Belang wären.
Industrie. Belgien ist eines der hervorragendsten Industrieländer der Welt.Man kann ohne Bedenken den Satz aufstellen, dass das Land diese Stellungseinem Reichthume an Kohle verdankt. Dieser Redchthum hat seine blühendeIndustrie geschaffen, die Bevölkerung bis zu einer Dichtigkeit vermehrt, die inEuropa ihresgleichen nicht hat und ein engmaschiges Verkehrsnetz geschaffen.
Ganz besonders ist es die Eisenindustrie, welche dem Lande, nächstEngland und Deutschland, den dritten Platz auf dem Weltmarkt verschafft hat.Den ersten Rang unter allen belgischen Etablissements nimmt das Cockerill-sche in Serraing ein. Es stehen hier circa 260 Dampfmaschinen von zusammen6000 Pferdekräften in Betrieb und werden etwa 9000 Arbeiter beschäftigt. DerWerth der jährlichen Production beziffert sich auf 35 Millionen Francs. DieMenge des producirten. Roheisens dürfte 50.000 Tonnen (1 Million Centner)beträchtlich übersteigen. Andere hervorragende Orte der Eisenindustrie sind:Lüttich, Charleroi, Grivegnee, Clabecq, Regissa, Chätelineau, Co-lonster u. a.
Die Zahl der Flötze in den belgischen Kohlenlagern, welche sich als schmaler, aber langerStreifen von der deutschen Grenze bei Aachen bis zur französischen bei Valenciennes erstrecken, ist einesehr bedeutende, doch verursachen die zahlreichen Verwerfungen in den Schichten und die geringe Mächtig-keit de* Flötze dem Abbaue mancherlei Schwierigkeiten. Zudem liegt die Kohle stellenweise aussergewöhn-lich tief; ja die belgischen Kohlengruben sind die tiefsten, die es überhaupt giebt. Der Schacht der „Viviersreunis” bei Gilly reicht bis in die ungeheuere Tiefe von 1040 Meter ( 3 2 9 ° t <uss ) hinab. Die producirte
Das belgische Eisenbahnnetz ist das dichtmaschigste in Europa. BeiSchöpfung der ersten Eisenbahnen glaubte der Staat im Interesse des allgemeinenWohles und in dem einer einheitlichen Durchführung des Baues und Betriebes zuhandeln, wenn er die Herstellung der Bahnen selbst besorgte. Bei der geringenräumlichen Ausdehnung des Landes, der ausgesprochen industriellen Thätigkeit derBevölkerung in bedeutenden, aber knapp nebeneinander gelegenen Centren, war derfür das Staatsbahnsystem entscheidende Grundgedanke ein vorzüglicher. In der Praxistrat aber der fühlbare Uebelstand zu Tage, dass die Centralisirung der Eisenbahn-unternehmungen im Staatsbetrieb eine gewisse Schwerfälligkeit und Stetigkeit derFormen hervorrief, in Folge deren die Eisenbahnen den allgemeinen fortschrittlichenPrincipien nicht nachzukommen vermochten.
Es griff alsbald ein scharfes Missverhältnis zwischen dem vorwärtsstrebendenGeist in Verkehr und Industrie und den althergebrachten, nur langsam sich um-gestaltenden Normen im Eisenbahnwesen Platz. Man liess deshalb die Privatthätig-keit zu und ist hierbei gut gefahren.
Städte. Das Königreich ist in neun Provinzen eingetheilt,welche ihre historischen Namen behalten haben: Antwerpen,Brabant, West- und Ostflandern, Hennegau,* Lüttich, Namur,Limburg und Luxemburg. Die Provinz Brabant wird auch als„Südbrabant” bezeichnet, zum Unterschiede der bei den Nieder-landen gebliebenen Provinz „Nordbrabant”. — Die Residenz-und Landeshauptstadt Brüssel (171.000 Einwohner), zu welchem
Einfahrtsthor im Hafen von Horn (Zuidersee).