A. Westeuropa. — V. Das Königreich der Niederlande.
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Range sie durch Schaffung des Königreiches auf dem WienerCongress 1830 erhoben wurde, liegt an beiden Ufern der Senneund zerfällt in zwei Abschnitte: die Oberstadt und die Unter-stadt. Dort befinden sich die Paläste des Königs, der Aemterund Vornehmen, dann die Hotels und andere öffentliche An-stalten; hier, in der Unterstadt, haben sich Gewerbe und Handeleingenistet. In der Oberstadt spricht man französisch, in derUnterstadt viamisch. Beide Stadttheile sind durch die „Ruede la Madelaine”, in welcher die glänzenden und reichhaltigenKaufläden liegen, verbunden.
Die schönste Strasse der Stadt ist die „Königsstrasse”,der schönste Platz der „Königsplatz”, dann der „St. Michaels-platz”. Die belgische Residenz zeigt sich ferner im Schmuckezahlloser öffentlicher Brunnen, herrlicher Promenaden und be-merkenswerther Gebäude, darunter das herrliche Rathhaus,der Königspalast, Nationalpalast, Justizpalast, dieGudulakirche, die neue Kirche der heil. Jungfrau und zahl-reiche andere öffentliche und Privatbauten. — Brüssel verfügtferner über eine grosse Anzahl wissenschaftlicher Anstaltenund Industrie-Etablissements, zählt also im Verhältnisse zu seinergeringen Ausdehnung zu den vornehmsten und reichsten Städtendes Continents.
Die übrigen Städte Belgiens sind zum Theil nichts Anderesals eine einzige grosse Raritätenkammer. Allen voran gehtGent (143.000 Einwohner) mit seinen prachtvollen Quais, demhistorisch berühmten Rathhause, dem Belfriedthurme und demherrlichen neuen Justizpalast; ferner Antwerpen (198.000 Ein-wohner), Belgiens volksreichste Stadt und erster Handelsplatz,an der Mündung der Schelde, die „Stadt des Rubens” mit ihrerberühmten Liebfrauenkirche, welche eines der schönsten gothi-schen Bauwerke Europas ist. — Wir nennen weiter Brügge(47.000 Einwohner), einst Residenz des burgundischen Hofesund gegen Ende des 13. Jahrhunderts ein Stapelplatz des Welt-handels. — Mo ns (27.000 Einwohner), Hauptort eines Stein-kohlendistrictes; Charleroi (16.000 Einwohner), nächst Brüsseldie freundlichste Stadt Belgiens; Lüttich (133.000 Einwohner),Industriestadt ersten Ranges, mit grossartigen Etablissements(Maschinen- und Gewehrfabriken etc.), und dicht an der Stadtder Fabriksort Seraing, mit CockerilFs weltberühmten Fabriks-anlagen. — Ferner Verviers (46.000 Einwohner), mit Tuch-fabriken, Wollgarnspinnereien und Maschinenfabriken; dieFestung Namur (28.000 Einwohner), mit Gewehrfabriken;Tournai (34.000 Einwohner), eine der vorzüglichsten Fabriks-städte des Königreiches, u. s. w.
5. Das Königreich der Niederlande.
Die Niederlande gehören wegen ihrer Bodenbeschaffenheit,ihrem eigenartigen Leben, ihrer Bevölkerung, welche trotz ihrernumerischen Minderheit eine ganz isolirte Stellung auf demContinent einnimmt, wegen der bedeutsamen historischen Ver-gangenheit und als Colonialmacht ersten Ranges zu den inter-essantesten Strichen unseres Erdtheiles.
Grösse und Lage. Das Königreich der Niederlande (auchHolland genannt) bedeckt einen Flächenraum von rund 33.000Quadratkilometer und erstreckt sich, im Süden an Belgien, imOsten an Deutschland grenzend, im Grossen und Ganzen alsKüstenland der Nordsee zwischen den Rheinmündungen imSüdwesten bis zur Dollardbucht im Nordosten.
Bodenbeschaffenheit. Das Land ist, wie schon sein Namesagt, ein vollkommenes Tiefland, irn Norden die Fortsetzungder norddeutschen (oder germanischen) Tiefebene, im Südenjene der rheinischen Tiefebene. Niedrige Hügelreihen kommennur in der Provinz Utrecht und Geldern und bei Mastricht(Ausläufer der Hohen Venn) vor. — Das Merkwürdigste aufdiesem Boden sind die Küstenränder des Meeres, welche aufweite Strecken im gleichen Niveau mit dem Meere liegen undnur durch Dünen undDeiche vor Einbrüchenin das Festland ge-schützt werden. Unge-fähr in der Mitte des-selben buchtet sich dieZuidersee tief ein undist seeseits durch einenKranz von Inseln ab-geschlossen.
Die Geschichte diesergrossen Bucht ist für die ganzeniederländische Bodenbeschaf-fenheit so bezeichnend, dass wirderselben nothwendigerweiseeinige Worte widmen müssen.—
Wir haben andernorts erzählt,dass vor etwa 700 Jahren denFluthen der Nordsee nach lang-wierigem Kampfe mit den Ufer-dämmen des friesischen Gesta-des es gelang, diese zu durch-brechen und sich über eingrosses Stück holländischenFlachlandes zu ergiessen. Bisdahin bestand im Inneren desLandes ein kleiner Binnensee —■der Flevosee des Tacitus; inFolge des Durchbruches wurdeaus dem See eine Meeresbucht,und zwar nahm nunmehr das Ge-wässer einen mehr als doppeltso grossen Raum ein als vorher.
Der ehemalige Küsten-rand von Friesland ist durchden vorstehend erwähnten Kranz
von Inseln (Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland, Schiermonnikoog u. a.) be-zeichnet, welche das neue Uferland seeseits decken. Der letzte Durchbruch erfolgtean der derzeit schmälsten Stelle der Zuidersee (ihrem Eingänge) zwischen Enkhuizenund Stavoren. Sie waren einst blühende Hafenplätze und werden heute, in Ge-meinschaft mit allen anderen Uferorten der Bucht (Medemblik, Hooren, Harderwjik,Harlingen), die „todten Städte” genannt.
Neuerdings hat man sich mit dem grossartigen Plane getragen, die Zuiderseetrocken zu legen. Zu diesem Ende wäre der innere See mittelst eines gewaltigenDeiches vom Meere zu trennen und das derart isolirte Gewässer „auszupoldern”. DieRichtung des projectirten Dammes ist durch die Linie Enkhuizen-Urk- (Insel) Yssel-mündung bezeichnet und würde 41 Kilometer lang sein. Die Gesammtkosten derTrockenlegung sind auf 210 Millionen Mark berechnet; der Landgewinn betrüge un-gefähr 176.000 Hektar.
Die vorstehend erwähnte friesische Inselkette ist nicht dieeinzige, welche der niederländischen Küste vorliegt. Zwischenden Mündungen der Schelde und des Rheins (im Verbändemit der Maas) lageft sich ein ganzer Archipel von niederen,flachen Inseln, durch deren Zwischencanäle der ganze Schiffs-verkehr geht, welcher sich von den grossen HandelsstädtenAntwerpen (belgisch) und Rotterdam (holländisch) aus entwickelt.
Die Gabelung des Rheins ist eine höchst merkwürdige.Gleich beim Eintritt in holländisches Gebiet findet die erste
Am Amstelcanal in Amsterdam.
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