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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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A. Westeuropa. Y. Das Königreich der Niederlande.

Rotterdam.

Gabelung statt: in den eigentlichen Rhein und in den Waal;der letztere scheidet nordwärts den Yssel aus, der sich in dieZuidersee ergiesst. In dieselbe Bucht, in welche der Waal fällt,ergiesst sich auch die Maas, die der westlichen Ausbeuge desersteren folgt, so dass beide Ströme (Rhein und Maas) in ihremUnterlauf fast parallel abfliessen.

Canäle. Der grösste Theil von Holland ist mit unzähligenkünstlichen Wasserstrassen und Wasseradern bedeckt. Die be-deutendsten Anlagen dieser Art sind: der Ymuidencanal,der die Zuidersee mit dem Ocean verbindet und auf diese WeiseAmsterdam, welches am inneren Ufer der ersteren liegt, vordem Schicksal dertodten Städte bewahrt hat. Würde dieZuidersee wirklich trocken gelegt werden, dann würde Am-sterdam zur Binnenstadt. Der Nordcanal, welcher die ganzeHalbinsel Nordholland durchzieht (zwischen Amsterdam undGeldern) und für die grössten Schiffe (auch Kriegsschiffe) fahr-bar ist. Die längsten Canäle liegen in der Provinz Fries-land, wo alle grösseren Städte unter sich und mit dem Meereverbunden sind. Von grosser Wichtigkeit ist auch der Canal,welcher Herzogenbusch mit Mastricht verbindet. Er ist derlängste Canal Hollands und für Schiffe zu 800 Tonnen fahrbar.

Man begreift, dass das tief gelegene, flache Niederlandvon einer grossen Zahl von Landseen bedeckt ist. Viele sindausgepoldert worden (wie das sogenannteHarlemer Meer,200 Quadratkilometer), andere bestehen fort und nehmen oftausgedehnte Moorgründe zwischen sich. Im Allgemeinen ge-hören die Niederlande zu den wasserreichsten Gegenden Europas.

Das Klima der Niederlande ist ungefähr dasselbe wiejenes von Belgien, vielleicht noch feuchter. Manche Strichesind sehr ungesund und herrschen dortselbst Fieber (z. B. ander Scheldemündung,Polderkrankheit genannt); mit anderen(Ostprovinzen) ist es besser bestellt.

Bewohner. Die Volksmenge des Königreiches beträgt un-gefährt 4*36 Millionen Seelen, fast ausschliesslich Angehörigedes germanischen Stammes, und zwar 71% Holländer, 14%Friesen, 13% Vlamen und 2% Deutsche. Das herrschendeGlaubensbekenntniss ist das protestantische (2*46 MillionenSeelen), doch ist auch das katholische Element sehr starkvertreten (1*43 Millionen Seelen). Ausserdem zählt man 81.000Israeliten, wovon in Amsterdam allein 30.000 wohnen. Esist die verhältnissmässig am reichsten mit Juden bedachteStadt Europas.

Obwohl germanischen Stammes, bilden die Niederländer mit ihren eigen-thiimlichen Sitten und socialen Erscheinungen einen tiefgehenden Gegensatz zuihren deutschen Nachbarn. Sie sind ganz und gar ein Volk für sich. In Sittenund Gebräuchen ist es mehr dem englischen als dem deutschen Volke verwandt.

Das Heim einer holländischen Familie ist ganz nach englischem Muster. Die pein-liche Reinlichkeit ist sprichwörtlich. Im Grossen und Ganzen bewegt sichdas holländische Leben in breiter materieller Behaglichkeit, aber auch ungemeineinförmig fort. Die geistigen Anregungen sind gering. Man cultivirt das Theatersehr nebensächlich, begnügt sich mit mittelmässiger Musik und liest wenig gewählt.

Das meiste Interesse zeigt die holländische Familie, sehr im Gegensätzezu der festländischen irgend welcher Nation, für ferne Länder und Völker, waserklärlich ist, wenn man bedenkt, dass fast jede Familie ein oder das andereMitglied besitzt, welches eine Zeit hindurch in einer der überseeischen Coloniender Niederlande geweilt hat. In den Salons sind die fremdklingenden Namen dermalayischen Inseln in Jedermanns Munde, und es ist nichts Seltenes, die Gesell-schaft sich in der weichen javanischen Sprache unterhalten zu hören.

Culturverhältnisse. Entgegen den Verhältnissen in Bel-gien sind die Niederlande vorwiegend ein Agriculturland.Fast 70"/ 0 des Gesammtgebietes sind bebautes Land. Die

Viehzucht steht gleichfalls auf hoher Stufe (namentlichRinder). Es werden bis zu 60 Millionen Gulden an Thierenund thierischen Nahrungsmitteln ausgeführt. Auch dieSeefischerei steht, wie nicht anders zu denken, aufhoher Stufe. Dagegen ist Holz so viel wie gar nicht vor-handen.

Unter den Industrien spielt der Schiffbau die ersteRolle; alsdann die Leinenindustrie: Provinz Holland;Leinenbänder und Zwirn: Haarlem, Herzogenbusch;Kattundruckereien: Amsterdam, Rotterdam; Seiden-zeuge: Haarlem, Utrecht, Amsterdam; Sammt: Utrecht;Tabakfabriken: Amsterdam,Rotterdam; Fayence: Delft;Nähnadeln: Herzogenbusch, Amsterdam; dann Zucker-siedereien, Gold- und Silberarbeiten, Papier. Die Hol-länder bezeichnet man als die besten Mühlenbauer; ihrehydrotechnischen Arbeiten sind weltberühmt.

Der Handel ist noch immer sehr bedeutend, obgleicher nicht mehr auf jener Höhe steht wie im 16. und 17. Jahr-hundert, als die niederländische Republik die erste Rolleim Welthandel spielte. Der Capitalsbesitz ist noch immeraussergewöhnlich gross und bildet den Lebensnerv aller

Speculationen und Unternehmungen.

Städte. Hauptstadt des Königreiches ist Amsterdam(372.000 Einwohner), an der Zuidersee gelegen und von demkleinen Flüsschen Amstel durchzogen, fast durchwegs aufPfählen erbaut und aus diesem Grunde mit mehr Rechtdasnordische Venedig zu nennen als Stockholm ist einereichbelebte, interessante Stadt, in deren reich ausgestattetenKaufläden man die commercielle Weltstellung dieses Empo-riums besser als aus umfangreichen statistischen Schriftenstudiren kann. Merkwürdig sind auch die ungeheueren Maga-zine und Schiffswerften. Dabei sind auch die wissenschaftlichenAnstalten von Bedeutung und die kunstgeschichtlichen Samm-lungen entsprechen ganz den Traditionen des Landes, dessenLeistungen (alsniederländische Schule) einst weltberühmtwaren. Bibliothek, Museum und Sternwarte um nur etlicheInstitute zu nennen vervollständigen die Elemente und Hilfs-mittel dieser geistigen Arbeit.

Von den anderen grossen Städten ist in erster Linie Haag,das Haag (139.000 Einwohner), als Residenz der königlichenb'amilie zu nennen. Sie liegt in der Provinz Südholland undunfern der Meeresküste, wo sich das vielbesuchte SeebadScheveningen befindet. Sie ist architektonisch der reineGegensatz zu Amsterdam: weit und luftig, breite Strassen, ge-räumige, schöne Plätze. Llauptzierden der Stadt sind: das Na-tionaldenkmal (zur Erinnerung an die Wiederherstellung derUnabhängigkeit, 1813 errichtet), der königliche Palast, dasMuseum, die königliche Bibliothek, dann allerlei Institute undwissenschaftliche Anstalten (meist mit reichen, zum Theil über-seeischen Sammlungen verbunden); ferner der grosse Park(Het Bosch) u. s. w.

Wir nennen weiter: Rotterdam (174.000 Einwohner),nächst Amsterdam die wichtigste Handelsstadt des König-reiches, nach allen Richtungen von Canälen durchschnitten, ander Maas gelegen, mit grossen Ilafenanlagen und bedeutendergewerblicher Thätigkeit. Leyden (45.000 Einwohner), am

Der alte Canal in llarlem.