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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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A. Westeuropa. VI. Grossbritannien und Irland.

Strandung an der Küste von Cornwall.

laufe. An den meisten solcher Küstenpunkte haben sich Handels-und Industriestädte zu Grösse und Reichthum entwickelt undbilden dieselben derzeit die Nervenknoten des Weltverkehrs.Selbst der Haupt- und Residenzstadt des Reiches, London,kommt die Bedeutung einer Seestadt zu, obwohl sie vom Meerecirca 25 Kilometer entfernt liegt. Die lange Mündungsbuchtder Themse und diese selbst vermitteln hier den directen See-verkehr.

An der Südküste von England beginnend, halten wirzuvörderst an dem vielfach durchrissenen Gestade von Corn-wall an. Dieses Cornwall bildet mit dem benachbarten Gebietevon Devon eine in den Ocean hinausgreifende Halbinsel,welche mit den Vorgebirgen Landsend und Lizard in gross-artigen Ufergestaltungen seeseits abschliesst. In einer Ent-fernung von circa 35 Kilometer ist diesen Vorgebirgen derkleine Scilly-Archipel vorgelagert, welcher 15 Quadratkilo-meter umfasst und aus 140 Eilanden und Klippen besteht, vondenen indess nur sechs bewohnt sind. Die wichtigste derselbenist St. Mary mit dem Hauptorte New down (9°° Einwohner).

Die äussersten Spitzen von Cornwall bestehen aus mächtigen Felsmassen vonGranit, Serpentin und Porphyr, abwechselnd mit Schichten von Talkschiefer undGlimmerschiefer. Zwischen den beiden vorgenannten Vorgebirgen erstreckt sich diesanft gerundete Bucht von Penzance, die grösste Stadt im südwestlichsten Corn-wall (9000 Einwohner). An dieser Küste schlägt ewige Brandung gegen zerrisseneund ausgewaschene Felsbildungen. In der White Sand-Bay erhebt sich wie einmächtiger Zahn ein Granitberg, ein hoher Fels, unaufhörlich von Segeln umschwärmt.Gefährliche Klippen stecken ihre Köpfe ringsum aus dem Wasser hervor oder ver-bergen sich unter der trügerischen Oberfläche; auf einer derselben erhebt sich einLeuchtthurm, den Schiffen bei Tag und Nacht ein warnendes Zeichen . . . Wiemächtig die Brandung ist, sehen wir an der nahen Millbai (bei Landsend). Inabenteuerlichen Formen gestalten sich hier die Klippen, den Menschen unzugänglich,umsomehr aber von Seevögeln bewohnt. Der Wogenschlag höhlt in die FelsenTunnels und Thore aus; und hier ist es nicht weiches Kreidegestein wie auf Helgo-land, sondern Granit! ...

Ein seltsam gestalteter Fels erhebt sich über dem Vorgebirge Landsend. Erist durch senkrechte und wagrechte Schnitte in einzelne, meist abgerundete Blöckegegliedert; der mittelste unter diesen Felsen liegt locker auf seiner granitenen Unter-lage. Es ist t der Loganstein, der sogenanntewackelnde Fels; er ist 5 Meter

Landsend.

Wintersturm bei Dover.

lang und hat 9 Meter im Umtange, sein Gewicht beträgt 1400 Centner. Hier ist fürdie Cornishmen derGeisterweihe gefürchtetes Revier; denn den Stein hat diegefürchtete Fee Karabossa, nach Anderen der Zauberer Merlin, im Vorübergehen aufdie Felsspitze gelegt, und die Landbewohner hüten sich, den Stein anzurühren. Dieleiseste Bewegung bringt ihn ins Schwanken; gleichwohl ist es keiner menschlichenKraft gelungen, ihn von der Stelle zu rücken oder zu Fall zu bringen. Diebizzarsten Gestalten und Formen weisen die Uferfelsen und Klippen beim Vor-gebirge Lizard auf, von denen in einem anderen Abschnitte die Rede war (vgl. S. 4).

Die Nordwestküste von Cornwall ist hafenarm, dagegendie Südostküste reich durchbuchtet. Hier liegt das stark be-festigte Plymouth (76.000 Einwohner, mit Devonport 125.000)am Aestuarium des Tamerflüsschens, eines der wichtigsten See-arsenale Grossbritanniens. Der grosse DammBreakwaterschützt den Hafen vor hohem Seegange und Sturmwetter,der mitten aus den Fluthen des Canals aufragende prachtvolleneue Leuchtthurm von Eddystone ist den zahlreichen Schiffen,welche hier verkehren, ein sicherer Führer.

Die den Canal la Manche im Norden begrenzende Küstevon England zwischen Start Point und Dover ist besondersbemerkenswerth durch viele treffliche Häfen, welche theils ander Mündung, theils im Hintergründe geschützter Buchtenliegen. In erster Linie zu nennen ist die Bucht von Poole,dann der grosse Llandelshafen Southampton (66.000 Ein-wohner) und der Hauptkriegshafen Englands, Portsmouth(135.000 Einwohner), eine der stärksten Festungen Europas.Die herrliche Rhede von Spithead bietet zu allen Zeiten dieSchaustücke eines regen militärischen und maritimen Lebens.Der Hafen wird von keinem anderen britischen übertroffen,sein Bassin vermag den grössten Theil der Hotte aufzunehmen.

Gegen den stürmischen Canal ist Portsmouth durch die dicht davorliegendeInsel Wight geschützt, ein reizender Fleck Erde, wegen der Lieblichkeit undMannigfaltigkeit ihrer Natur derGarten Englands genannt. Sie ist 401 Quadrat-kilometer gross und beherbergt circa 74.000 Einwohner. An ihrer Siidküste, wo derSchnee unbekannt ist, die Myrte während des Winters im Freien blüht, schliessenKreidefelsen die Ufer ab. In Folge seiner Lage ist das Eiland heftigem Seegangeausgesetzt. Besonders wild pflegt es am Westgestade zuzugehen. Dort stehen, in un-bekannter Zeit von den Bergen der senkrecht abfallenden Küste losgetrennt undhinabgestürzt, zahlreiche nackte Klippen, dieNadeln genannt, welche thurmhochaufragen und von einem ewig unruhigen Meere umbrandet werden. Dazu stimmt dasKreischen zahlreicher Seevögel, welche die Felsen umkreisen. Im Inneren der Inselgiebt es parkartige Thäler und herrliche Wiesen, daneben aber vorwiegend gutbestelltes Land. Hauptort der Insel ist Newport (9500 Einwohner), im Innerender Insel, wohin von dem sehr besuchten Seebade Co wes (2000 Einwohner) eineFlügelbahn führt. Grösser und als Seebad besuchter ist Ryde (12.000 Einwohner).Der reizendste Punkt an der Nordseite der Insel aber ist die königliche Osborne-villa. Als Aufenthalt für Brustkranke eignet sich seines milden Klimas wegen dasan der Siidostküste gelegene Städtchen Ventnor (5500 Einwohner).

Der östliche Theil der englischen Canalküste ist wenigerreich gegliedert, aber bemerkenswerth wegen seiner hohenKreide-ufer und der vielen berühmten Seebäder. Die Reihe derselbenwird eröffnet mit Brighton, einer grossen Stadt (118.000 Ein-wohner) mit demberühmtesten See-bade des vereinig-ten Königreiches.

Die Badeanlagen,namentlich die ge-schmackvollen Ma-hommed baths, sindin englischerWeisegrossartig ausge-führt. Seit 1872 be-sitztBrighton dichtan der Meereskü-ste ein kolossalesAquarium,welchesdas grösste unter

allen existirenden Ein Austernstock.

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