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B. Mitteleuropa.
II. Das Deutsche Reich.
und Rohstahleisen. — Andere leistungsfähige Etablissementsbefinden sich bei Grevenbruck, Niederscheiden, Haardt a. d. S.,Meppen, Wissen, Lohn, Neunkirchen, Ruckhammer, Meinhardt,Ründeroth, Troisdorf, Hochdahl u. s. w. — Die Eisenwerkevon Elsass-Lothringen liefern bedeutende Quantitäten vonRoheisen. — Im Aachen-Eifelbezirke liefert die „Concordia-hütte” zu Jesenberg (bei Eschweiler) 40.000 Tonnen verschiedeneSorten von Walzeisen. — Im Saarbrückener Bezirk sind diehervorragendsten Etablissements: die Dillinger Hüttenwerke,die Hüttenanlagen zu Burbach, das Eisenwerk zu Quint beiTrier, das Walzwerk zu Neunkirchen, die Etablissements zuKaiserslautern und St. Ingberth. — In der Oberpfalz undOberfranken steht die „Maximilianhütte” obenan; sie liefert25.000 Tonnen Schienen, die Raffinirwerke 45.000 Tonnen. —Die berühmte „Ilfelderhütte” zu Klausthal producirt circa60.000 Tonnen Roheisen. — Wir nennen noch das nieder-schlesische Hüttenwerk zu Tschirndorf bei Haibau und diegrossartigen Anlagen in Oberschlesien mit der „Königshütte”und „Laurahütte” (95.000 Tonnen Roheisenproducte und 70.000Tonnen Gusswaare); die Gleiwitz’sche Giesserei und die Hütten-anlage bei Biskupitz.
Das weltberühmte Krupp’sche Etablissement zu Essen können wir hiernur durch Ziffernangaben charakterisiren. Man hat den am 14. Juli 1887 ver-
storbenen Besitzer des Etablissements — Alfred Krupp — den „Kanonenkönig” ge-nannt, sehr mit Unrecht, denn das Schwergewicht der Unternehmung liegt in derHerstellung von Eisenbahn-, Schiffs- und Bergwerksbedarf. Vom Jahre 1846 bis Ende1879 sind nur etwa 18.000 Kanonen aus dem Krupp’schen Etablissement hervor-gegangen. Wir sagen „nur”, weil bei fabriksmässiger Herstellung des artilleristischenMaterials unschwer die zehnfache Leistung möglich gewesen wäre.
Die einzelnen Abtheilungen ujid Werke des Etablissements könner hier nichterläutert werden. Hervorragend in ihrer Leistungsfähigkeit sind die Bessemer-werke, das Blechwalzwerk, der Schmelzbau (Tiegelgussstahl-Erzeugung), dieSatzachsendreherei, die mechanische Werkstätte, die Kanonenwerk-stätten, das Puddel- und Schweisswerk, die Eisengiesserei, das Ban-dagenwalzwerk, die Glühhäuser u. s. w. — Im Hammergebäude „Fritz”befindet sich der kolossale Dampfhammer (der zweitgrösste der Welt), welcher einFallgewicht von 5 ° Tonnen und einen Cylinder von 2 Meter Durchmesser und4 Meter Kolbenhubhöhe hat. Auf dem Amboss dieses Hammerwerkes werden un-geheuere Stahlblöcke von 4 Meter Länge und i 1 /, Meter Dicke bearbeitet! ImGanzen stehen im Essener Etablissement nicht weniger als 82 Hämmer im Betrieb.Ferner sind vorhanden (Ende 1879): 155 ° Flammen-, Glüh-, Schmelz- und andereOefen, 310 Dampfmaschinen und fast ebensoviele Dampfkessel. Alle Dampf-maschinen zusammen haben circa 12.000 indicirte Pferdekräfte. Die Stahl- und Eisen-production (Achsen, Radreifen, Ruder, Weichen, Federn, Schienen, Kurbelachsenfür Schiffe, Maschinen- und Brückentheile, Ruder, Steven, artilleristisches Material)erforderte im Jahre 1879 run <l 11*500 Tonnen Schmiede- und Stabeisen, 6800 TonnenTiegelgussstahl und 116.000 Tonnen Bessemerstahl. Die Zahl der Arbeiter betrug 8000.
Das Etablissement bildet eine Stadt fiir sich mit zahlreichen Baulichkeiten füralle erdenklichen Bedürfnisse und Hantirungen. Der tägliche Kohlenverbrauch beträgt2700 Tonnen. Die in eigenem Betrieb stehende Gasanstalt liefert täglich 17.000Kubikmeter Leuchtgas und speist circa 22.000 Flammen. Innerhalb des Fabriks-territoriums befinden sich Geleisanlagen von zusammen 70 Kilometer Entwicke-lung. Man zählt: 25 Locomotiven und fast 700 verschiedene Wagen. Ausserdem
70 Kilometer Telegraphenleitungen mit 40 Stationen. Für die 20.000 Menschen,welche im Dienste der Unternehmung stehen, sind besondere Arbeitercolonienvorhanden. Alle Bedürfnisse werden von den Werkstätten, Magazinen, der Consum-anstalt u. s. w. geliefert.
Zur Krupp’schen Unternehmung gehören ferner: 547 Eisengruben und4 Kohlenzechen, welche zusammen circa 6000 Arbeiter beschäftigen; 6 Hüttenmit 14 Hochöfen, welche jährlich fast 156.000 Tonnen Roheisen liefern. ZumBetriebe der Hüttenwerke sind 66 Dampfmaschinen von zusammen 3350 Pferde-kräften vorhanden; die jährliche Fördermenge auf den Kohlenzechen beträgt fastI Million Tonnen.
Von anderen Erzen und mineralischen Producten werden imDeutschen Reiche ausgebeutet: Kupfer, in bedeutenden Quan-titäten, namentlich in den preussischen Provinzen Sachsen undWestphalen; Blei im Rheinland, Hannover, Schlesien, Sachsen,Braunschweig und Anhalt; Zinn in Sachsen; Zinkerze, anwelchen Deutschland mehr als irgend ein anderer Staat derWelt ausbeutet, in Oberschlesien, Westphalen und Rheinland;Silber im sächsischen Erzgebirge, Harz, Oberschlesien, Merse-burg, Aachen u. s. w. — Ferner ist die Stein- und Salinen-salzausbeute eine hervorragende, besonders in der ProvinzSachsen, in der Provinz Hannover, in der Provinz Brandenburg,im Neckargebiet und Reichenhall-Berchtesgaden. Lithogra-phischer Schiefer wird im Fränkischen Jura (Solenhofen),Bernstein an der preussischen Samlandsküste gewonnen.
Bernstein ist übri-gens kein mineralisches Pro-duct, sondern ein fossilesBaumharz von einer Kiefern-gattung, welche zur Zeit,als noch keine Menschenexistirten, durch Verschüt-tung — wie bei gewissenHolzgattungen in den Braun-kohlen — und unterirdischeHitze den Kiensaft aus-schweelte. Die Ostsee wirft,namentlich auf der Streckevon Danzig bis Memel, schonseit Jahrtausenden Bernsteinaus. Die Strandbewohner be-gnügen sich jedoch nicht mitdem, was die Wogen her-beitragen, sondern betreibenin rationeller Weise die Bern-steinfischerei, wozu man sichder Dampfbagger bedient.Dieselben sind den bekann-ten Apparaten dieser Artziemlich ähnlich. Im Kuri-schen Haff wird bis 6 Metertief im Grunde gebaggert;schon bei V* Meter Tiefebringen die Eimer einzelneBernsteinstücke zu Tage; jetiefer der Bagger eindringt,desto reicher ist die Aus-beute. Sobald man auf diebernsteinhaltige Sandschichtkommt, werden die Eimernicht tiefer gestellt, sonderngehen leer in der gebildetenRinne, erzeugen einen leb-haften Wasserstrom undschöpfen den Bernstein, in-dess der Sand zu Boden fällt.Zu diesem Zwecke wechseln dicht geschmiedete Eimer mit gegitterten und durch-löcherten ab. Beide Arten graben zunächst die Rinne und bringen den Sand herauf;ist die Rinne fertig, dann erzeugen die dichten Eimer den Strom, während die ge-gitterten vermöge des hindurchgehenden Stromes den Bernstein auffangen. BeimEntleeren der Eimer fällt der Inhalt auf einen Steg und gleitet von diesem auf einEisensieb, das den Deckel eines kastenförmigen Prahmes bildet. Der Sand fällt durchdie erbsengrossen Löcher des Siebes in den Prahm, während die BernsteinstückeZurückbleiben.
Güte und Werth der Steine richten sich nach Grösse, Farbe, Durchsichtigkeitund Reinheit. Von den kleinsten Brocken kostet das Kilogramm kaum mehr alseine Mark; grosse, sogenannte Capitalsstücke, werden bis zu 30.000 Mark bezahlt.Von den durchsichtigen trägt der ganz helle, ziemlich wasserklare, von den undurch-sichtigen der wolkige, weissgrünliche oder milchweisse den höchsten Preis. Ausser-dem sind solche Stücke sehr geschätzt, welche Insecten und andere kleine Thierchenumschliessen. — Die Bernsteinausbeute an der preussischen Ostseeküste beläuft sichjährlich auf circa 75.000 Kilogramm.
An Mineralquellen ist Deutschland ungemein reich. InPreussen allein zählt man deren etwa 150; die wichtigstenfinden sich in Nassau, dem kein deutsches Land an Reichthumhierin gleichkommt; viele unter denselben haben europäischenRuf (Wiesbaden, Ems, Soden, Schwalbach, Schlangenbad,Fachingen, Selters u. s. w.).
Die gewerbliche Thätigkeit Deutschlands ist eine bedeutende;sie versorgt nicht nur den einheimischen Markt mit allen er-denklichen Industrieartikeln, sondern bringt auch grosse Mengenvon Verkaufswaare zur Ausfuhr. — Die wichtigsten Branchen— nach Staaten geordnet — sind:
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Das Etablissement Krupp in Essen,
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