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B. Mitteleuropa. — II. Das Deutsche Reich.
Potsdam.
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welche das Stadtgebiet von Osten nach Westen durchfliesst,gelegen, wächst sie nach allen Weltrichtungen aus dem früherenengen Schnürleibe mächtig hinaus, und hat noch ein un-begrenztes Gebiet zur Entwickelung vor sich. Am weitestengreift das neue Berlin nach Westen vor, wo es über den Thier-garten mit Charlottenburg in Verbindung tritt. Im Nordenist Niederschönhausen der äusserste Punkt, gegen welchendie räumliche Entwickelung Berlins fortschreitet.
An Stadttheilen unterscheidet man: die Neustadt (oderDorotheenstadt), die südlich von ihr gelegene Friedrichsstadt,die prächtige Friedrich-Wilhelmsstadt; ferner das eigent-liche (alte) Berlin und „Köln”, der älteste, aus slavischer Zeitstammende Stadttheil, und den „Friedrichswerder” nebst fünfsogenannten Vorstädten, die aber alle zu einer Stadt ver-wachsen sind. — Berlin hat prachtvolle Strassen und vieleweitläufige, herrliche Plätze. Die schönste der ersteren ist dieStrasse „Unter den Linden”, mit einer vierfachen Allee besetzt,über i Kilometer lang und 45 Meter breit; die Friedrichs-strasse, die Leipziger und die Wilhelmsstrasse. — Unter denPlätzen sind bemerkenswerth: der „Königsplatz”, mit der61 Meter hohen Siegessäule; der grosse Platz zwischen demköniglichen Schlosse und (über die Schlossbrücke hinweg) biszum Palaste des Prinzen von Preussen, einschliesslich desOpernplatzes, auf welchem sich das Reiterstandbild FriedriclTsdes Grossen erhebt; der „Wilhelmsplatz”, mit den sechs Stand-bildern der Feldherren des siebenjährigen Krieges; der „Gen-darmenmarkt”, auf welchem sich das neue Schauspielhaus be-findet; der „Dönhofsplatz”,mit dem Denkmale Stein’s;der Alexander-, Pariser undBelle-Allianceplatz u. s. w.
Die Brücken sind,wegen der Unbedeutendheitder Spree, sämmtlich kurzund in dieserBeziehungbietetBerlin kein so prachtvollesBild wie Paris, dessen zahl-reiche mächtige Brückenüber den breiten Seinestrom.spannen. Berlins schönsteBrücke ist wohl die mit achtMarmorstatuen gezierte„Schlossbrücke”. Ausserdemsind zu nennen: die Königs-brücke und die eiserne Fried-richsbrücke.
Was die vielen undgrossen Berliner Gebäudeanbetrifft, stehen sie, soweit
es sich um ältere han-delt, an allgemeinemhistorischen Interessehinter denen von Pariszurück; die Neubautenaber möchten sich wohldie Wage halten. Daskönigliche Schlossist eines der pracht-vollsten dieser Art inEuropa, der könig-liche Palast (Königs-palais), mit dem Prin-zessinnenpalais verei-nigt, gereicht der Stadtebenso zur Zierde wiedas Palais des Prinzenvon Preussen (jetzigenKönigs), des (weiland)Prinzen Carl, der Prin-zen Albrecht und Adal-bert. — Hervorragenddurch seine innere Ein-richtung und Aus-schmückung ist dasOpernhaus, bemer-kenswerth durch seinengrossen Concertsaaldas Schauspielhaus,durch seine Grösse dieUniversität. Einenbedeutenden Umfanghat auch das Zeughaus. Besonders schön ist das Kunst-museum mit seiner imposanten glasgedeckten Kuppel und demherrlichen Neubau, dessen Treppenhaus mit berühmten Kaul-bach’schen Fresken geschmückt ist. Das alte und das neueMuseum sind durch eine Galerie verbunden.
Andere bemerkenswerthe öffentliche Gebäude sind: die„Königswache”, mit den Marmorstandbildern ScharnhorsPsund Bülow’s und den bronzenen Bildsäulen Gneisenau’s, York’sund Blücher’s gegenüber, die Singakademie, das Kriegs-ministerium, die Münze, das Commandantenhaus, dieCharite, das Invalidenhaus, mehrere Kasernen und die achtBahnhöfe, worunter einige von kolossaler Ausdehnung.
Die Kirchen Berlins zeichnen sich nicht durch hervor-ragende Schönheit oder architektonische Grossartigkeit aus;auch in Bezug auf das Alter spielen sie keine Rolle. Zu er-wähnen ist die nach dem Modell des Pantheon in Rom erbauteSt. Hedwigskirche, dann die Marienkirche, die Nikolaikirche,die unansehnliche Domkirche, die neue Friedrichswerder’scheKirche u. a. Die schönste Kirche Berlins ist wohl die Petri-kirche, deren Thurm zugleich der höchste in der ganzen Stadt ist.
Eine Stadt, wie Berlin, welche im gewissen Sinne an der Spitze der deutschenBildung steht, muss consequenterweise eine grosse Anzahl von Studienanstalten,wissenschaftlichen Instituten, Sammlungen, Unterrichtsmitteln, gelehrten Vereinenu. s. w. besitzen. In der That sind viele, zum Theil grossartige Anstalten dieser Artvorhanden. Allen voran steht die Friedrich Wilhelm-Universität mit ihrenvielen und reichhaltigen Sammlungen; hieran reihen sich nicht weniger als 14 Gym-nasien, 5 Seminarien, 44 Töchterschulen (wovon 6 öffentliche), 10 Real- und Gewerbe-schulen, 1x4 öffentliche Elementarschulen, 91 Privatschulen u. s. w. — An höheren
Aussicht nach der Brücke von Babelsberg bei Potsdam.
Fachlehranstalten sind zu nennen: dieKriegsakademie und andere Militär-schulen, die Bauakademie, Bergakade-mie und Gewerbeakademie; dann dieberühmte Thierarzneischule u. m. a.— Gelehrte Gesellschaften sind: Aka-demie der Wissenschaften, Akademieder Künste, Singakademie, Gesellschaftnaturforschender Freunde, Gesellschaftfür Erdkunde, polytechnische Gesell-schaft, Verein für Eisenbahnkunde,religiöse und bürgerliche Vereine zurFörderung gemeinnütziger Kenntnisseund zahlreiche andere Gesellschaften.
Nicht minder zahlreich undgrossartig sind die öffentlichen Stu-dienmittel, das sind: die Sammlun-gen und wissenschaftlichen In-stitute. Die königliche Bibliothekumfasst 750.000 Bände und pirca 16.000Handschriften, doch giebt es noch vieleandere Bibliotheken, darunter auffal-lend viele Volksbibliotheken, welcheüber 55.000 Bände besitzen und eineLeserfrequenz von fast 15.000 jährlichaufweisen. Bemerkenswerth sind ferner:die Sternwarte, das neue Museum für