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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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IÖ4

C. Südeuropa. — II. Die Balkanhalbinsel.

Galatathurm.

tien und einigen Hotels. Das Quartier besteht vorwiegend ausHolzbauten. Durch die ungemein ausgedehnte und gewundeneHauptstrasse zieht eine Tramway, welche Galata mit mehrerenBospor-Ortschaften verbindet. Das interessanteste Bauwerk istder sogenannte „Galatathurm”, der Rest der alten genuesi-schen Befestigungen. Er dient derzeit den Feuerwächtern alsSignalstation. — Bergwärts von Galata dehnt sich die VorstadtPera, das sogenannte „Christenquartier” aus. Es hat fastdurchgehends steinerne Häuser, darunter mehrere europäischeingerichtete Hotels, und die Palais der verschiedenen Bot-schaften, Gesandtschaften und diplomatischen Vertretungenund die Amtswohnungen der Consuln. Es giebt hier Clubs,Conditoreien, Theater, öffentliche Gärten, Bierkneipen undKaffeehäuser nach abendländischem Geschmack. Ein höhererMaassstab darf an diese Einrichtungen nicht gelegt werden.

— Nordwärts an Galata schliesst Tophana an. Es ist dieerste Ufervorstadt am Bosporus, während jenes nach demGoldenen Horn liegt. Seinen Namen hat es von der grossenGeschützgiesserei. An Tophana schliesst Fyndijkly an.

Andere Vorstädte sind: St. Dimitri, westlich von Pera,in einer Mulde nördlich des Goldenen Horns, durchwegs vonGriechen bewohnt; Kassim Pascha, von St. Dimitri bis zumGoldenen Horn reichend, ausschliesslich von Türken bewohnt,mit einem vielbeschriebenen Kloster der Mewlani- (Dreh-) Der-wische, und der türkischen Admiralität. Der Theil des GoldenenHorns, der sich zwischen Kassim Pascha und dem gegen-überliegenden Stambul erstreckt, dient als Kriegshafen.

Hier befindet sich auch die Kriegswerfte.— Hassköj undChalydschi Oglu sind zwei fast nur von Türken be-wohnte Quartiere, die den Raum zwischen Kassim Paschaund dem inneren Ende des Goldenen Horns einnehmen.

— Eyub, gegenüber den letztgenannten Quartieren aufder Stambuler Seite, jedoch ausserhalb der alten justinia-nischen Mauer. Hier befindet sich die berühmte Grab-moschee Eyub’s, des Fahnenträgers des Propheten Mo-hammed, der gelegentlich der Belagerung Constantinopelsdurch die Saracenen (668) hier fiel und begraben wordensein soll. — Skutari, die grösste unter allen Vorstädten,liegt auf der östlichen Seite des Bosporus, also auf asia-tischem Boden. Es giebt hier acht Moscheen (Walide Sul-tana und Ibrik Dschami sind die bedeutendsten) und einKloster der Rufai- (heulenden) Derwische. Seine grössteMerkwürdigkeit ist aber der ungeheuere Friedhof — eineinziger Cypressenwald, von dem es heisst, dass er dreiMillionen Leichen einschliesse. — Alle die genanntenVorstädte sind in zahlreiche Viertel eingetheilt, derenbeispielsweise Stambul allein mehrere Dutzende zählt. Inseiner Gesammtheit soll Constantinopel über 100.000 Häuserhaben. Von den angeblich 900.000 Einwohnern sind un-

gefähr die Hälfte Türken und überhaupt Mohammedaner, 250.000 Arme-nier, 150.000 Griechen, 30.000 Juden und 20.000 „Franken” (Europäer).

Der Bosporus, welcher als vielfach gewundene, drei Stunde lange und durchschnittlich eineViertelstunde breite Seestrasse das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbindet, ist der schönsteSchmuck Constantinopels. In bunter Reihenfolge wechseln hier freundliche Dörfer mit prächtigenVillen, stille Friedhöfe und deren Cypressenhaine mit stolzen Palästen, herrliche Thäler, mit dichtenschattigen Parks. Fast alle Paläste der Grossen des türkischen Reiches, einschliesslich ihres Gebieters,des Sultans, liegen am Bosporus. Aber auch eine Reihe von starken Befestigungen krönt die idyl-lischen Ufer. — Wir führen im Nachfolgenden die wichtigsten Oertlichkeiten des Bosporus auf, undzwar zunächst die auf der europäischen Uferseite, in ihrer Reihenfolge von Süden nach Norden.

Europäische Seite. Der Vorstadt Tophana und ihrer Verlängerung Fyndiykly zunächstliegt Dolmabagtsche mit dem Palaste des Grossherrn, dessen Herstellungskosten sich auf un-gefähr 50 Millionen Franken beliefen. Im Inneren herrscht ein unbeschreiblicher Luxus, dafür aberblutwenig Geschmack. Berühmt sind: die mit Rubinglas eingedeckte Kuppel der Vorhalle und dergrosse Audienzsaal, dessen Glaskronleuchter 10.000 Flammen hat. Sehr anmuthig sind die zumPalaste gehörigen Gärten. — Beschiktasch, mit einem Derwischkloster und kleinem Sommerpalastedes Sultans. — Tscheragan, ein grosser Holzpalast aus der Zeit Mahmud’s II. (1836). Nur dieFundamente, Säulen und Treppen sind aus Stein. Das Innere ist höchst luxuriös ausgestattet undmit zahlreichen prachtvollen Säulen geschmückt. — Ortaköj, ein schmutziges, meist von Griechenbewohntes Dorf. Oberhalb desselben auf schöner Aussichtsstelle liegt der vielgenannte Jildiz Kiosk,die Residenz Sultan Abdul Hamid’s. In der Nähe öffnet sich das herrliche „Lindenthal” (Flamur),in Terrassen ansteigend, mit einem kleinen kaiserlichen Landhause. — Kuru Tschesme, ein Ortohne Bedeutung. — Bei Arnautköj erreicht die Bosporusströmung ihre grösste Geschwindigkeit.Sie ist so stark, dass sich begegnende Kähne Gefahr laufen, zu zerschellen. — Bebek, ein reizender,in Terrassen ansteigender Ort, einst Lieblingsort des Sultans Selim I. — Rumeli Hissar, dererste von den Türken am Bosporus besetzte Ort (unter Mohammed II.). Die Zwingburg, welche hierunmittelbar vor der Eroberung Constantinopels aufgeführt wurde, ist nur mehr eine interessanteRuine. Dorf und Castell liegen an der schmälsten Stelle des Bosporus, und man bezeichnet sie fürdiejenige, wo die Brücke stand, auf welcher Dareios seine Heerschaaren von Asien nach Europawälzte. — Balta Liman, an schöner Bucht gelegen, mit dem ehemaligen Landhause des berühmtenStaatsmannes und Reformators Reschid Pascha. — Emirgian, von Cypressen umgeben, mit derVilla des Ex-Khedive Ismail Pascha. — Stenia, an einer tief eingeschnittenen Bucht gelegen. DieSage lässt hier die Argonauten nach Bezwingung des Bebrykerkönigs einlaufen. — Nach Jeniköjund Kalen dar, welche nichts Bemerkenswerthes besitzen, kommt Therapia, eine der anmuthig-sten Oertlichkeiten des Bosporus. Sie wird namentlich von Fremden mit Vorliebe zum Sommer-aufenthalt gewählt. Sommerpalast des grossbritannischen Botschafters. — Bujukdere, Sommersitzder meisten diplomatischen Vertreter bei der Hohen Pforte. Die Villen liegen in einer Reihe hartam Ufer; dahinter erstreckt sich ein schöner Park, während weiter im Norden das berühmte Rosenthalvon Kestenej Suju sich öffnet. Bei Bujukdere werden die Platanen gezeigt, unterwelchen 1096 Gottfried von Bouillon mit den Kreuzfahrern gerastet haben soll.Weiter landeinwärts erstreckt sich der „Belgrader Wald”, eines der beliebtestenAusflugsplätzchen der Stambuler Griechen und Armenier. — Rumili Kawak, mitaltem Castell, welches Murad IV., gleichzeitig mit dem gegenüberliegenden AnadolyKawak, hatte erbauen lassen, um den Bosporus zu sperren. Beide Burgen, vonwelchen übrigens nur noch die asiatische einige Reste aufweist, führen auch nochden Namen „Genuesenschlösser”. — Fanarköj, der letzte (nördlichste) Ort auf dereuropäischen Uferseite des Bosporus, mit den aus der Argonautensage bekanntencyaneischen Klippen oder „Symplegaden”.

Asiatische Seite. Anadoly Fanar oder Fanaraki, mit einem Leuchtthurm,welcher mit dem von Fanarköj den nördlichen Eingang zum Bosporus bezeichnet. —Anadoly Kawak, das vorstehend genannt wurde, ist ein aus der alten Geschichtedenkwürdiger Ort, an den sich mancherlei Sagen, Mythen und historische Ereignisseknüpfen. Dahinter erhebt sich der sogenannte „Riesenberg”, von den Türken „Bergdes Josua” genannt; Derwische halten auf dem Gipfel eines Vorberges bei dem an-geblichen Grabe Josua’s Wache. — Unkhiar Skelessi, am Ausgange eines derreizendsten Thäler des Bosporus, wo mehrere Sultane prächtige Schlösser hatten er-bauen lassen, von welchen aber nichts mehr zu sehen ist, mit Ausnahme des Palastes,welchen der Ex-Khedive Ismail für den Sultan Abdul Aziz hatte herstellen lassen.Die von Selim III. errichtete Papierfabrik ist seltsamerweise ganz aus — Marmorhergestellt. — Bejkos, reizender Ort mit schöner kaiserlicher Villa. — Sultania,wo einst der persische Prachtpalast Murad’s III. stand, von dem aber keine Spurmehr vorhanden ist. Die nächsten Oertlichkeiten, Indschirköj und Tschibuklu,sind ohne Interesse. — Um so bemerkenswerther ist Kandlija mit seinen inTerrassen aufsteigenden Gärten und seinen lohnenden Aussichtspunkten. — AnadolyHissar, mit dem gegenüberliegenden Rumili Hissar die schmälste Stelle der See-strasse bezeichnend, war einst ein berüchtigtes Staatsgefängniss. Mahmud I. undSelim I. hatten in der Nachbarschaft reizende Schlösser, die aber nicht mehr vor-handen sind. — Kandili, hoch an der steilen Küste hängend, gilt für den reizend-

Kiosk des Sultans im Thale von Flamur.