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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
Entstehung
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Das Nordcap.

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D. Nordeuropa.

Die Halbinsel

Nordeuropa ist die Wiege der germanischen Rasse. Soweit die geschichtlichen Ueberlieferungen zurückreichen, warenes germanische Stämme, welche auf der langgestreckten undbreiten, mit einer wilden, grossartigen Natur bedachten Halb-insel Skandinavien — der grössten unseres Erdtheiles — hausten.An die See gewöhnt, machten sich diese nordischen Stämmefrühzeitig auf derselben als kühne Freibeuter oder Erobererbemerkbar. Schon die Gothen kreuzten das Meer in primitiven,nichts weniger als seetüchtigen Booten. Zur Zeit Karhs desGrossen traten die nordgermanischen Stämme unter der Be-zeichnung „Normannen” als kühne Seefahrer und Erobererauf. Sie waren durch solche Beutezüge gefürchtet; die Ge-schicklichkeit, welche sie sich im Laufe der Zeit errangen,lässt ihre Schifffahrt als die weitaus bedeutendste in jenerEpoche erscheinen.

Dass die Normannen ihre Herrschaft zur See als Piraten begannen, weissJeder, der von „Wikingerzügen” gehört, oder altnordische Geschichte gelesen hat.Die vielgenannten „Seekönige” waren im Grunde nichts Anderes als gekrönte Cor-sarenhäuptlinge, deren Ressourcen hauptsächlich im Seeraube lagen. Die Kühnheitder Wikinger setzt in Erstaunen, wenn man erwägt, wie wenig seetüchtig ihre Fahr-zeuge waren. Gleichwohl beherrschten sie mit denselben den Ocean. Sie drangen indas Eismeer ein, östlich bis ins Weisse Meer, westlich bis Grönland; warenin den Gewässern Grossbritanniens heimisch und kreuzten sogar den AtlantischenOcean, wobei sie — was auch die „Winlandsage” bestätigt — die Nordostecke vonNordamerika (ein halbes Jahrtausend vor Columbus) entdeckten. — Im Süden be-schilften sie hauptsächlich den westlichen Theil des Mittelmeeres, wo normannischeHeere Unteritalien mit Krieg überzogen. Nach langwierigen, durch anderweitigeAufgaben unterbrochenen Kämpfen bemächtigten sie sich endlich der Insel Sicilien(1071 n. Chr.),‘ wo sie die saracenischen Sitten so einladend fanden, dass sie selberganz und gar darin sich fügten.

Fast ein Jahrhundert vorher hatten die Normannen auch in Grossbritanniensich festgesetzt. Es war Sw ein, der im Jahre 1004 die entscheidende Landung ander Küste von Norfolk bewirkte. Ueber die Schiffe, deren er sich bediente, habenwir Kenntniss. Sie hatten ein hohes Deck, ihr Vorderende war mit Figuren vonLöwen, Ochsen und Delphinen aus vergoldetem Kupfer verziert, als Wimpel führtensie an den Mastbäumen Figuren von Vögeln mit ausgebreiteten Flügeln. Swein’seigenes Schiff war ein „Drachenschiff’, wie solche in den altnordischen Sagen häufiggenannt werden. Ein solches Drachenschiff besass beispielsweise der Seekönig OlafTrygvason, Beherrscher von Norwegen, der um 780 einen Ueberfall auf die eng-lische Küste vollführte, trotzdem kurz vorher König Alfred die „britische Flottegegründet hatte”. Olafs Schiff soll 35 Meter lang gewesen sein und 34 Ruderbänkebesessen haben. Es war also in seiner Zeit jedenfalls ein Seeungethüm ausser-gewöhnlicher Art.

Nach der „Frithjofssage” beschenkte bekanntlich der Meergott Aegir den HeldenWiking mit dem schönen Schiffe „Ellida”. Es war ein Drachenschiff von Eichenholzgezimmert, langgestreckt und hatte ein Drachenhaupt, dessen Rachen von rothemGolde flammte. Der Schiffskörper war blau, mit Gelb gesprenkelt, und hinten amSteuer schlug er den mächtigen silberschuppigen Schweif in Ringen. Das Schiff hatteschwarze, an den Kanten roth verzierte Flügel, deren Rauschen sich wie Sturmgeheulausnahm. „Gross von Ruhm war das Schiff und von Nordlands Schiffen das erste.”

Lage und Umrisse. Die skandinavische Halbinsel bildet denäussersten Nordwesten Europas und bedeckt einen Flächenraumvon 800.000 Quadratkilometern. Die Längenachse der ganzenHalbinsel zwischen Falsterbo bis zum Cap Nordkyn in Finn-marken beträgt 1920 Kilometer, die grösste Breite von Bergen

Skandinavien.

bis Stockholm 818 Kilometer. Die Küstenentwickelung beläuftsich auf etwa 4912 Kilometer. Politisch zerfällt die skandina-vische Halbinsel in das Königreich Norwegen (im Westen)und das Königreich Schweden (im Osten); ein kleines Stückgehört zu Finnland.

Die geophysische Natur beider Länder ist grundverschie-den. Norwegen — also die westliche Hälfte der Halbinsel —besteht aus einem mächtigen, von Schneefeldern und Gletschernerfüllten Hochlande, das nach Südosten und Osten in Terrassenabfällt. Schweden ist ein Stufenland von verhältnissmässig ge-ringer mittlerer Höhe und hauptsächlich durch seine vielenparallelen Flussläufe charakterisirt. Der Gegensatz zwischenbeiden Landhälften tritt nicht minder scharf in den Küsten-umrissen hervor. Der durch zahlreiche Fjorde (über diese sieheS. 4) zerklüfteten Steilküste von Norwegen steht die flacheSüd- und Ostküste ‘Schwedens entgegen. (Ueber die KüstenSkandinaviens siehe S. 53.) Dabei ist die Küste Norwegensvon zahllosen Inseln, Inselchen und Klippen (Skjäregaard, imDeutschen Scherenhof, genannt) gesäumt. Die bedeutendstenbilden den kleinen Archipel der Lofoten.

Bodengestalt. Die Gebirgswelt Skandinaviens lässt nirgendsein System von Ketten oder Kämmen erkennen; sie präsentirtsich vielmehr als eine Reihe von Hochflächen, von einzelnenHochgipfeln (Hauba, Tind) überragt und von mächtigen Glet-schern bedeckt (vgl. S. 60). In diesen entspringen eine Anzahlwildtobender Bergströme, welche durch schauerliche Klüfteherabstürzen. Einzelne Gruppen von Gebirgen sind nicht charak-

Wikingerschiff, ausgegraben 1880 bei Sandefjord in Norwegen.

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