Tarantass (Reisewagen) in der südrussischen Steppe.
HK
" 5 ££;
:'^ägry i
rMEISSNEKfs,
E. Osteuropa.
Das russische Reich.
Das Kaiserthum Russland ist das grösste Reich der Erde,indem es den sechsten Theil des gesammten Festlandes ein-nimmt. Sein Flächeninhalt ist so gross, als jener der uns zu-gekehrten Seite des Mondes. Ein Reisender, welcher an derrussisch-deutschen Grenze in das Czarenreich eintritt, hat —wenn er unausgesetzt nach Osten wandert — eine Strecke von6000 Stunden zurückzulegen, bis er die pacifische Küste Sibi-riens erreicht. Der Zeitunterschied zwischen der Mittagsstundeam Ostende der Tschuktschenhalbinsel und jener an der West-grenze von Polen beträgt über 11 Stunden, denn die Ent-fernung zwischen beiden Endpunkten beträgt circa 144 Längen-grade. In diesem Riesenreiche geht also die Sonne thatsächlichnicht unter, denn während sie an der polnischen Grenze scheidet,steigt sie fast in demselben Augenblicke über dem Ostcap aufder Tschuktschenhalbinsel wieder empor.
Geographische Lage, Das europäischevorläufig hier allein in Betracht kommt,
Osten Europas ein und reicht durch 44 Längengrade. DreiMeere bespülen es: im Norden das Eismeer (Weisses Meerund Karisches Meer), im Westen die Ostsee, im Süden dasSchwarze Meer. Von Norden nach Süden durchläuft manalle Klimate: vom arktischen Klima der Timanischen Tundra,wo der Boden fast das ganze Jahr hindurch gefroren ist, biszum Mittelmeerklima der südlichen Krim, wo es Stechpalmenund immergrüne Haine giebt. Während die Ufer des Nord-meeres durch neun Monate mit Eis besetzt sind, gehörenSchneefälle an der Südküste der Krim zu den aussergewöhn-lichen Erscheinungen.
Russland, welchesnimmt den ganzen
Bojar aus der Zeit Peter’s des Grossen.
Die geographische Lage Russlands bedingte es, dass seine Völker frühzeitigmit der asiatischen Welt in Berührung kamen. Dies war bereits in einer Zeit langevor den geschichtlichen Anfängen des russischen Reiches der Fall. Wir sehen diesarmatischen Slaven in den Jahrhunderten nach der Völkerwanderung theils alsVerbündete, theils als Gegner ural-altaischer Völker um ihre Existenz ringen. Aberüber diese Zeit liegt noch immer ein Schleier und die Geschichte nennt weder dieNamen kühner, unternehmungslustiger Anführer, noch giebt sie Kunde von denräumlichen Besitzverhältnissen im innersarmatischen Slavengebiete. Man weiss nur so viel, dass die Slaven,von den Petschenegen und Chazaren nach Norden zurückgedrängt, die Städte Nowgorod und Kiewgründeten. Hier scheinen sie geraume Zeit unbelästigt gehaust zu haben, denn ein gewisser Grad vonWohlstand reizte den in Schweden siedelnden normannischen Stamm der Waräger, die Finnen und Slavenanzugreifen und das Land vom Meere bis zum Waldaiplateau sich zu unterwerfen.
Nun kommt Licht in die Uranfänge russischer Geschichte. Es war zu Beginn des 9. Jahrhunderts.Der erste Einfall der Normannen misslang; die Waräger kamen aber wieder, von ihrem Häuptlinge Rurikangeführt, und nun wurde alles Land vom Eismeere bis zu den Quellen des Dnjepr und der Wolga unter-worfen. Rurik schlug seine Residenz zu Alt-Ladoga auf und legte, wie sein Stamm, rasch germanischeSitte und Sprache ab, so mit den slavischen und finnischen Eingeborenen sich verschmelzend. Auch Süd-russland (Kiew) hatte einen Zweig der warägischen Fürstenfamilie zu Herrschern erhoben. In derselbenZeit wurden die Russen, welche seit Rurik diesen Namen führten, mit den Byzantinern bekannt. Derbyzantinische Einfluss war weit mächtiger und folgenschwerer als der normannische. Während der skandina-vische Geist über der numerisch zahlreichen Masse der Slaven wie ein Hauch verwehte, drangen byzan-tinisches Wesen und orientalischer Geist gleich einem neuen Lebensstrome ein. Die unmittelbaren NachfolgerRurik’s — Oleg und Igor — waren noch Heiden. Im Jahre 967 bedrängten die Russen unter Swjato-slaw die Byzantiner sogar auf der Balkanhalbinsel. Erst im Jahre 988 liess der Grossfürst Wladimir sichtaufen. Ein russisches Reich bestand aber noch immer nicht; es gab eine Anzahl Theilfürstenthümer, derenjedes auf eigene Faust schaltete. Erst Iwan Wassiljewitsch (1462—1505) vereinigte alle Fürstentümerin ein Reich, mit Ausnahme von Nowgorod, wo Alexander Newsky ruhmvoll herrschte.
Gleichwohl fehlte diesen Staatsgebilden ein selbständiges politisches Leben. Das Hauptreich warder „Goldenen Horde’’ tributpflichtig, andere asiatische Horden bedrängten es zugleich mit jener. ErstIwan IV. (der Schreckliche) machte diesem Zustande der Dinge ein Ende, indem er die tatarischen ChanateKasan und Astrachan eroberte (Mitte des 16. Jahrhunderts). Der Nachfolger Iwan’s war dessen SohnFedor I., welcher aber, weil regierungsunfähig, von seinem Schwager Boris Godunow vertreten wurde.Er hatte während Fedor’s Scheinregierung dessen nächste Verwandte, darunter den Bruder des Czaren,Dimitrij (Demetrius), aus dem Wege geräumt und schwang sich selber auf den Thron. Die Wirren, hervor-gerufen durch das Auftauchen einer Anzahl von Prätendenten, die sich für den „wahren” Dimitrij ausgaben,endeten erst, als durch Beschluss der geistlichen und weltlichen Grossen Michael Feodorowitsch R o m anow,der Sohn eines Metropoliten, auf den Thron erhoben wurde (März 1613).
Damit hatte das Reich eine neue Dynastie erhalten, welche sich in weiblicher Linie bi$ auf den Tagerhalten hat. Der glänzendste Repräsentant der Dynastie ist Peter der Grosse, welcher das Reich ausseiner Isolirtheit und asiatischen Abgeschlossenheit herausriss und dasselbe mit dem übrigen Europa inengere Berührung brachte. Zugleich vergrösserte er das Reich durch Eroberungen auf europäischem Gebiete,welche Action namentlich in der Richtung nach Süden dadurch ein charakteristisches Gepräge erhielt, dasssie mit dem Bestreben, die Türken aus Europa zu verdrängen, zusammenfiel. Alle Unternehmungen derCzaren des 18. und 19. Jahrhunderts hatten dieses Ziel vor Augen und sie sind demselben mit wechselndemErfolge schrittweise näher gerückt.