Karte 
Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
Entstehung
Seite
184
JPEG-Download
 

184

E. Osteuropa,

Das russische Reich.

Rossheerde an der unteren Wolga.

Industrie. Im Verhältnisse zu der Urproduction steht die gewerbliche Thätig-keit zurück, doch hat dieselbe in neuester Zeit erfreulichen Aufschwung genommen.Die Zahl der Fabriken beläuft sich auf 86.000, welche über 2 Millionen Arbeiterbeschäftigen. Unter den gewerblichen Branchen steht obenan die Baumwoll-industrie und besitzt das Reich, namentlich für Baumwollspinnerei, die gross-artigsten und schönsten, die es in der Welt überhaupt giebt; selbst die englischentreten, was Grösse und Massenleistung anbetrifft, hinter den russischen, namentlichPetersburger Actienfabriken, zurück. Bei 85.000 Webstühle beschäftigen circa 180.000Arbeiter. — Die Leinenindustrie verfügt über 170.000 Spindeln und beschäftigt34.000 Arbeiter, die Wollindustrie über 87 Spinnereien und beschäftigt 110.000Arbeiter. Die russischen Leinenerzeugnisse wetteifern nach Güte mit den öster-reichischen und holländischen. Tuchfabriken giebt es über 500 (namentlich imGouvernement Grodno), ausgezeichnete Seidenmanufacte liefern die Moskauer undPetersburger Etablissements. — Auf hoher Stufe steht die Metallindustrie; diesgilt in erster Linie von den grossen Gussstahlfabriken zu Perm und Obukow(letzteres bei St. Petersburg), welche Tiegelgussstahl fabriciren und in der Erzeugungvon Gussstahlgeschützen, Hartgussgeschossen, Bandagen und Achsen hervorragendeLeistungen zu verzeichnen haben. Von den Radreifen wird deren aussergewöhnlicheDauerhaftigkeit gerühmt und sollen Fälle nicht selten sein, dass solche bis 20.000deutsche Meilen durchlaufen, ehe sie nachgedreht werden.

Eine ausgezeichnete Gussstahlfabrik ist das Staatswerk in Zlatust. Hieranreihen die leistungsfähigen fmnländischen Hütten, deren Schienenproduction sehrbedeutend ist. In Südrussland ragen hervor: die Werke Longansk, Listitschansk,Okrohowo. — In Polen ist die Eisenindustrie durch die „Chlewiskahütte” und dasRaiwolo-Etablissement vertreten.

Andere Industriezweige von Belang sind: chemische Fabrikate (Peters-burg, Moskau), Glas, Fayence, Papier. Auch der Schiffbau ist bedeutend. Fürdie Kleinindustrie ist es charakteristisch, dass es ganze Dörfer giebt, in welchensämmtliche Bewohner einer und derselben Profession angehören. So ist Robotnikanur von Schmieden, Pawlow von Schlossern, Kikolskoi von Drechslern, Jagodnogevon Saffianarbeitern, Gorodischtsche von Zimmerleuten u. s. w. bewohnt.

Handel. Der Handel Russlands wird begünstigt durch diegewaltige räumliche Ausdehnung des Reiches, durch seinenReichthum an Naturproducten und seine zum Theil vermittelndeStellung zwischen zwei Erdtheilen. Von Wichtigkeit ist, dassdie marine Begrenzung Russlands diesem die Handelswegedirect nach den nördlichen und südlichen Meeren öffnet, dassdiese Meere untereinander und zum Theil mit den mächtigenFlüssen durch ein grossartigesCanalnetz miteinander verbun-den sind. Auch das Eisenbahn-netz hat eine sehr respectableAusdehnung (1885 rund 26.000Kilometer). — Mittelpunkt desgesammten Binnenhandelssind Moskau und Nischnij-Now-gorod, welch letztes wohl dergrösste Messplatz Europas ist.

Zunächst folgt dann Irbit, dasfür den Osten des Reiches vonhervorragender Bedeutung ist.

Von nicht minder grosser Wich-tigkeit sind die Seehandels-plätze sowohl an der Ostsee, wie

am Schwarzen Meere.Das altberühmte Astra-chan, das im Mittelaltereiner der wichtigstenStapelorte Osteuropaswar, hat seine einstigeBedeutung freilich ein-gebüsst. Vom Stand-punkte der geschicht-lichen Entwickelung desrussischen Handels darfauf Archangel, dennördlichsten Handels-platz des Reiches, nichtvergessen werden.

Obwohl Archangel der-malen als Hafenort am WeissenMeere kaum über eine gewisselocale Bedeutung hinausreicht,hat es gleichwohl eine Zeit ge-geben, wo dies wesentlich anderswar. Koch mit Beginn der Herr-schaft der Romanows (1613)war Russland ein Binnenreich,ohne Antheil an irgend einemMeere. Das erste Ausbruchs-thor, welches es sich aus derbeengenden continentalen Lageschuf, war — Archangel. Kurzvorher war von den Engländernder nördliche Seeweg, um Skan-dinavien herum nach demWeissen Meere, entdeckt wor-den. Von diesem Augenblickean trat Russland mit der Aussen-welt in regen Verkehr. Ueber Polen war der Weg noch immer verschlossen. DieRoute nach dem Meere wehrte das eifersüchtige Schweden. Am Schwarzen Meerehatten die Russen zw r ar vorübergehend Fuss gefasst, aber von dort führte damalsder Weg nach Europa nicht, denn die mächtige Türkei hatte den Pontus für alleWelt gesperrt. Mit den Bestrebungen Russlands, im mittleren und westlichen EuropaVerbindungen zu suchen, wuchs auch hier das allgemeine Interesse für das entlegeneReich. Peter der Grosse endlich erreichte das Meer — den Finnischen Meerbusen —wo er in den Kewasümpfen den Grundstein zu der neuen Residenz- und Reichs-hauptstadt legte. Er selber suchte Bildung im Westen, schuf ein neues Reich aufvöllig veränderter Grundlage.

Viel später gelangte Russland an das Südmeer, den Pontus. Koch vor Ablaufdes vorigen Jahrhunderts war Südrussland eine Wüste, ein Tummelplatz von Heerdenund Hirten. Da griff Katharina II. mit fester Hand ein und gründete im Jahre 1793,an Stelle eines türkischen Dorfes, die Stadt Odessa, derzeit die blühendste Handels-stadt Russlands, mit 218.OOO Einwohnern. Potemkin hatte schon 1778 die StadtCherson an der Mündung des Dnjepr und 1784 Jekaterinoslaw, gleichfalls amDnjepr, aber tiefer im Inneren, angelegt. Cherson hat mächtigen Aufschwung genommenund ist namentlich wichtig wegen seines Kriegshafens, seines Arsenals und seinesregen Handels. Andere Seehandelsplätze von Bedeutung sind Taganrog am Azow-sehen Meere und Rostow, unweit der Donmündung.

Was das russische Eisenbahnnetz anbetrifft, ist dasselbesowohl in Bezug- auf seine räumliche Entwickelung- als auf seinegeschichtliche Gestaltung von ganz eigenartigem Interesse. Dieräumliche Entwickelung ist von um so grösserem Belange, alsder czarische Autokratismus sich vom Anbeginne her, was dieNützlichkeit und Nothwendigkeit des Eisenbahnwesens an-belangt, in formellen Widerspruch mit der übrigen Welt setzte,indem er die breite Spur ins Leben rief. Die breitere Geleis-weite der russischen Bahnen, welche den durchgehenden Ver-kehr mit fremden Betriebsmitteln unmöglich macht, ist undbleibt allerdings nur eine rein militärische Massnahme; dassaber eine solche überhaupt ergriffen wurde, zeigt von der un-glaublich engherzigen Beurtheilung der auf culturelle Momentebegründeten Verkehrsart und von bedauerlicher Verkennung dessegenvollen Berufes der „eisernen Ringe", welche Völker und

Eisenbahn über den zugefrorenen finnischen Meerbusen.

Nationen einigen, nicht aber trennen sollen. Das russische Eisen-bahnnetz ist am dichtesten inden Westprovinzen; industrielleThätigkeit und Handelsbewe-gung haben zu dieser localenEntwickelung der Schienen-wege ebenso beigetragen alspolitisch militärische Gesichts-punkte. Die rasche, ausgiebigeZugänglichkeit jenes Grenzge-bietes, welches sowohl in offen-siver als defensiver Beziehungfür Russland von allergrössterBedeutung ist, bedingt dort-selbst dieVerdichtung des Schie-nennetzes und die Herstellungstrategischer Eisenbahnlinien.