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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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E. Osteuropa. — Das russische Reich.

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Mit Rücksicht auf dieangegebene Haltung der russi-schen Machthaber in Bezug aufdie Eisenbahnen überrascht dieThatsache, dass die Eröffnungder ersten russischen Bahn ineine verhältnissmässig sehr früheZeit fällt, denn schon 1838gab es eine Schienenverbindungzwischen St. Petersburg undCzarskoje Selo — der Sommer-residenz des Czaren — eine 27Kilometer lange Anlage, dielediglich den persönlichen Be-dürfnissen des russischen Herr-schers diente. ImUebrigen ver-hielt sich Kaiser Nikolaus feind-selig gegenüber der „gefähr-lichen westländischen Neue-rung”. Bekannt ist die Erzäh-lung, wie Kaiser Nikolaus dasihm vorgelegte Project St. Pe-tersburg-Moskau (die „Nikolai-bahn”) nach eigenem Ermessencorrigirte. Die tracirenden In-genieure hatten, der vorhande-nen Terrainhindernisse wegenund im Hinblick auf die Noth-wendigkeit, grössere Städte,welche nicht zu weit abseits derdirecten Linie dieses 644 Kilo-meter langen Schienenwegeslagen, mit demselben in Berüh-rung zu bringen, die Trace mitmannigfachen Abweichungenvon der geraden Richtung ent-worfen. Das gefiel dem Kaisernicht; er nahm ein Lineal in dieHand, legte es auf einer Karte

an die beiden Punkte St. Petersburg und Moskau und zog mit dem Bleistifte einegerade Linie, indem er hinzusetzte: „So will ich die Bahn ausgeführt haben!” . . .

Dann kam das Jahr 1853 und mit ihm der orientalische Krieg, der sich zueiner gemeinsamen europäischen Action gegen den nordischen Koloss auswuchs.Damals wurden Truppen und Kriegsmaterial rascher von London nach Balaklawabefördert als von Moskau nach Sewastopol. Als daher Kaiser Nikolaus die Augengeschlossen hatte, begriff sein Nachfolger Alexander II. die Nothwendigkeit, dasVersäumte nachzuholen, wenngleich er der beschämenden Thatsache sich bewusst war,dass im Lande selber weder das genügende Capital, noch die geeigneten technischenKräfte zur Verfügung standen, um das riesige und kostspielige Werk der plan-mässigen Anlage eines Schienennetzes unternehmen zu können. Nach langwierigemConcurrenzkampfe fiel französischen Capitalisten 1857 die Concession zu und diesegründeten die grosse russische Eisenbahngesellschaft. Seitdem hat die Entwickelungdes russischen Bahnnetzes rapiden Fortschritt gemacht und heute besitzt das Reich,dank dem allezeit regen Speculationsfieber russischer Unternehmer und dank denungeheueren Entfernungen, die auf die Dauer mit den landesüblichen Verkehrsmittelnnicht zu bewältigen waren, ein Schienennetz von über 26.000 Kilometern. Die Her-stellung einer „russischen Pacificbahn” — d. h. einer sibirischen Transversal-bahn — ist im Principe angenommen und soll der theilweise Ausbau dieser un-geheueren Linie demnächst in Angriff genommen werden.

Administrative Eintheilung. Das russische Reich zerfällt in50 russische und 10 polnische Gouvernements, das Grossfürsten-thum Finnland in 8 Provinzen. Die Gouvernements sind inKreise eingetheilt. — Neben dieser officiellen Eintheilung istaber noch eine andere — geographisch-historische — all-gemein üblich. Da sie viel übersichtlicher ist, halten wir unsan diese. Darnach zerfällt das Gesammtreich in:

1. Ingermanland, mit der Haupt- und Residenzstadt St.

Petersburg.

2. Die Ostseeprovinzen, bestehend aus:

a) Esthland,

b) Livland ;

c) Kurland.

3. Westrussland; beste-

hend aus:

a) Lithauen,

b) Wolhynien;

c) Podolien.

4. Grossrussland, natur-

gemäss in ein südlichesund nördliches Gebiet(zu beiden Seiten dernordrussischen Land-höhe) zerfallend.

5. Ostrussland; bestehend

aus den ehemaligen Cha-naten:

a) Kasan,

b) Astrachan.

6. Kleinrussland (Ukrai-

ne).

Die Newabrücke in St. Petersburg.

7. Südrussland, bestehend aus:

a) Neurussland,

b) der Halbinsel Krim,

c) dem Lande der Don’schen Kosaken.

8. Das ehemalige Königreich Polen.

9. Das Grossfürstenthum Finnland.

Das Gebiet von Giskaukasien gehört nach der officiellenadministrativen Eintheilung zum asiatischen Verwaltungsgebiete.

1. Ingermanland.

St. Petersburg (930.000 Einwohner), die erste Residenz- undzweite Hauptstadt des Reiches, an der Mündung der Newa,beziehungsweise auf den Inseln ihres Deltas gelegen, wurdevon Peter dem Grossen im Jahre 1703 in Sümpfen und Morästengegründet. Heute ist St. Petersburg eine der schönsten Städteder Welt. Unter allen grossen Hauptstädten Europas machtSt. Petersburg durch die Breite, den geradlinigen Verlauf unddie Reinlichkeit seiner Strassen, durch die Grösse und Eleganzseiner Gebäude, durch die herrlichen Quais einen ausgezeich-neten Eindruck. Monumentalbauten, öffentliche Plätze und Denk-mäler ergänzen dieses wunderbare Städtebild des Nordens.Gross ist die Zahl der Paläste. Die gewöhnliche Residenz desKaisers ist der Winterpalast (an der Newa), welcher durcheine Galerie mit dem Eremitagenpalaste (reiche Gemälde-galerie) in Verbindung steht. Andere kaiserliche Paläste sind: der

Marmorpalast, der Anitsch-kin’sche Palast, der Tauri-sche Palast (von Potemkinanlässlich eines Festes er-baut), der prächtige Michaels-palast u. s. w. Ferner der Mi-chailow’sche und der Leuch'tenberg’sche Palast.

Die Schönheit der Cza-renstadt manifestirt sich be-sonders in ihren prachtvollenStrassen und öffentlichenPlätzen. Unter den ersterensteht die „Newski-Perspec-tive” obenan; sie ist 5500Meter lang und in ihr liegtdie Kasan’sche Kirche. Pa-läste und zahlreiche eleganteKaufläden gereichen dieserStrasse, welche vom Admi-ralitätsplatze bis zur „Fon-tanka” reicht, zur Zierde.

N ewski-Perspective.

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