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B. Südasien. — II. Vorderindien.
gastlichsten Strichen unseres Planeten. — Die Bewohnersind theils Beludschen (Abkömmlinge der alten Gedrosier),welche nur nominell dem Khan von Ivelat unterstehen undmit Vorliebe dem Räuberhandwerke huldigen — theils Hindu(vom Dravidastamme sind nur Tamulen im Lande ansässig),welche einst das ganze Land beherrschten. Die Beludschensind sunnitische Mohammedaner.
Hauptort des Khanates ist Kelat (12.000 Einwohner), aufeinem 2042 Meter hohen Plateau, mit rauhem Klima, aberfruchtbaren Triften. Auf der höchsten Stelle der Stadt erhebtsich der Sommerpalast des Khans. Die Bazare sind sehr belebt.
Winterresidenz des Khans ist Gandawa (10.000 Einwohner), in der Land-schaft Katscha-Gandawa im Indus-Tieflande. Lebhafter Handel. — Bei Bela (5000-Einwohner) finden sich grosse Zuckerrohrpflanzungen, Leinei treibt einträglicheTeppichweberei, Pandschyar Getreide- und Weinbau.
II. Vorderindi
e n.
Das Gebiet, welches wir Vorderindien nennen, setzt sichaus der eigentlichen vorderindischen Halbinsel und einemTheile des Himälayasystems (dem südlichen Abschnitte des-selben) zusammen. Geologisch genommen ist Südindien die„uralte indische Insel”, welche nach Abfluss des Meeres, welchesdie nordindische Tiefebene einnahm, an das Himälayasysteman gegliedert wurde. Diese Verbindung geschah durch Hebung,welche offenbar noch immer fortwirkt, da die vor der Süd-spitze von Indien liegende Insel Ceylon durch einen Meeres-canal, der immer seichter wird, von jenem geschieden ist.
In culturgeschichtlicher Beziehung ist Indien, nächst Westasien, unterallen Gebieten Asiens das hervorragendste. Auf weite Strecken vom Meerebespült, stand es seit ältesten Zeiten dem Seeverkehre offen und wir dürfen mitRecht die „Ophirfahrer” des Königs Salomon mit jener Region in Verbindungbringen. Uralt ist die dem vorderindischen Gesammtgebiete eigenthümlicheCultur, welche eine Abgeschlossenheit bekundet, die mit jener der ägyptischenCultur mancherlei Analogien aufweist. Wenn auch der heutige Hinduismusvon der alten Götterlehre wesentlich abweicht, ergeben sich gleichwohl mancherleiFühlungspunkte und gewiss ist, dass keine Götterlehre, die noch heute in Kraftbesteht, so weit in das graue Alterthum zurückreicht, als die indische. Seinenerhabensten, feierlichen Ausdruck findet das altindische Leben in den Veden,der ältesten indischen Literatur. Es sind heilige Schriften, Sammlungen alterReligionsübungen u. s. w. Mit der Ueberschwänglichkeit der uralten streng-gläubigen Zeit heisst es im Gesetzbuche des Manu: „den Vätern, Göttern undMenschen ist der Veda das ewige Auge” . . . „Gesetze, die sich nicht auf denVeda gründen, sind fruchtlos, denn sie ruhen auf Finsterniss” . . . „Die vierKasten, die drei Welten, die vier Stufen im Menschenleben (zuerst als Brah-matschin oder Student, dann als Grihasta oder Familienvater, ferner als Vana-parascha oder Einsiedler, zuletzt als Bhixu oder Bettelmönch), was war, ist undsein wird, alles dies lernt man aus dem Veda” . . . „Das Gesetzbuch erhält alleWesen immerdar, deshalb ist dieses das höchste, weil es diese Wesen voll-kommen macht — wie mächtig gewordenes Feuer sogar nasse Bäume brennt,so brennt der Vedakundige den Geborenen fast seine Seele aus” u. s. w.
Von höchstem Interesse ist die altindische Kosmogonie, denn sie ver-mittelt das Verständniss für den Zusammenhang der arischen Völker. Die altindischeSage kennt sieben Gestalten, in denen Gott sich verkörpert zeigt: Wasser, Feuer,Mond, Sonne, Aether, Erde und Luft. Den Anfang der Schöpfung machte das Wasser.Die altindische „Fischgeschichte”, welche eine Episode des grossen Epos „Maha-bharata” bildet, ist eine alte Erzählung von der Sintfluth. Der Held dieser Geschichte— Manu — ist zugleich der Stammvater der arischen Völkergemeinschaft. Ab-weichend von der Bibel, durchsteuert Manu kein durch Regenwasser entstandenesHochwasser, sondern das Meer. Er gelangt zum „Himavan”, dem „schneereichenGebirge”, allwo Manu mit seinen Genossen am Gipfel anlegt. Der Fisch, welcher dieGerechten rettete, entpuppt sich als Brahma, „der alles Sein mit Lieb umschloss”.Der Gott giebt Manu den Auftrag, alle Wesen zu erschaffen und Busse zu üben.Im Epos „Ramajana” kommt eine Stelle vor, in welcher der „Grossbeherrscher” denGipfel des Himavan (Himälaya) ersteigt und der „Ganga” (dem Himmelsgewässer) denAuftrag giebt, die Erde zu befeuchten.
Die Sage von der Herabkunft der Ganga und der Meerfahrt Manu’s zeigt,wie die altindischen Theogonien, die ersten kosmischen Wandlungen, die sich in Gott-heiten verkörpern, vom Wasser ausgehen. Daraus wird erklärlich, wie die Völker an
dieser Vorstellung durch Jahrtausende festhielten und den allbelebenden Geist immerwieder über die Fluthen emporsteigen Hessen. Die alt-chaldäische (akkadische) unddaraus die biblische Sintfluthsage wurzeln in der indischen oder richtiger in dem gemein-samen Urquell aller arischen Ueberlieferungen theogonischer und kosmogonischer Natur.
In historischer Zeit hat Indien, begünstigt von der Naturals meerumflossenes Land, den Schauplatz von grossartigenVölkerbewegungen, Kriegen, Erobererzügen und politischen
Thor von Balahissar in Kabul.
Kabul.
Wandlungen abgegeben. Seine Reichthümer lockten nicht nurdie Nachbarvölker, sondern auch ferne Nationen an, die, vondem erwarteten Gewinne angespornt, der Schifffahrt neueBahnen und Ziele eröffneten. Der Natursegen Indiens übersteigtalles, was die Erde in dieser Beziehung aufzuweisen hat. Esist das reichste Land der Welt, mit China das dichtbevölkertste,dasjenige, in welchem die Triebkraft der Natur zu grossartig-ster Entfaltung gelangt ist. Von den ältesten Mythen bis zudem vielgestaltigen Leben der Gegenwart liegt ein Reichthumvon Gestaltungen und Entwickelungen, welche Indien zumleuchtenden Juwel der Menschengeschichte machen.
Lage und Grösse. Indien gemeinhin ist der halbinselförmigeAnsatz im Süden von Hochasien, der Fühler, welcher von derRegion des ewigen Eises bis in die Nähe des Aequatorshinausgreift. Vom ewigen Winter der arktischen Regionbis zur Ueppigkeit der Tropen sind alle Zonen der Erdevertreten. Um sich von der Ausdehnung des Gebietes einerichtige Vorstellung zu machen, halte man fest, dass diegrösste Längenausdehnung, von Kaschmir bis zur Süd-spitze von Dekan (Cap Komorin), ungefähr 3000 Kilo-meter beträgt, eine Entfernung, welche der zwischen Ham-burg und Kairo gleichkommt. Die grösste Breite (nichtganz 3000 Kilometer) ist gleich der Entfernung zwischenParis und Trapezunt, oder der zwischen Hamburg undAstrachan.
Das Gesammtgebiet von Vorderindien, dessenGrenzen in West- und Ostturkestan, in Tibet und Hinter-indien liegen, umfasst (einschliesslich der Insel Ceylon)ein Gebiet von 4,107.684 Quadratkilometern. Hiervon sindindo-britisches Gebiet 3,873.684 Quadratkilometer.
Bodengestalt. (Ueber den Zusammenhang der hoch-asiatischen Gebirgswelt siehe S. 203.) Die NaturgrenzeIndiens im Norden bildet der Himälaya (d. i. „Wohnungdes Schnees”). Da er ein Randgebirge ist, so ist seinAbsturz in die südliche Ebene ungleich gewaltiger als