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D. Mittelasien,
II. Das turkestanische Tiefland,
II. Das turkestanische Tiefland.
Bodengestalt. Das Tiefland von Turkestan erstreckt sichim Westen der mittelasiatischen Hochgebirgswelt und reichtbis zum Kaspisee. Im Süden wird das turkestanische Beckenvom Nordabfalle des Hindukuh und seiner westlichen (persi-schen) Fortsetzung begrenzt; im Norden hängt es mit der west-sibirischen Tiefebene zusammen.
Vom Tien-schan öffnen sich nach Westen mehrereLängsthäler, welche den Uebergang von Hochasien zu West-turkestan vermitteln. Das nördlichste dieser Thäler ist das desIli, das vsich zu einem breiten Steppengebiet erweitert, inwelchem der grosse Balkaschsee liegt. Im Süden des Issyk-kul erstreckt sich das Thal desNaryn, des wichtigsten Quell-flusses des Syr-Darja, der sich gleichfalls im Westen noch zueinem breiten Strom erweitert, ehe er das Gebirge verlässt. Diesesletztere Gebiet ist das von Kokand (Ferghana), im Süden vonden Alaiketten begrenzt, deren westliche Fortsetzung Kokandvon Samarkand trennt. Auch das Thal des bei dieser Stadtvorbeifliessenden Sarafschan gehört zu den Längsthälern desTien-schan, dessen südliche Begrenzung die Gebirge der Land-schaft Hissar bilden. Die südlichen Abhänge des Alai-tauund der letztgenannten Landschaft führen ihre Wasser bereitsdem Amu-Darja zu.
Alle diese Thalsohlen sind nicht tief eingeschnitten — derIssyk-kul liegt 1500 Meter hoch und das obere Narynthal circa1800 Meter. Um den Issyk-kul herum finden sich Gipfel bisüber 4500 Meter, der höchste unter allen aber ist der Khan-te ngri, der bis 7300 Meter ansteigt. An seinem Ostfuss führtder Musartpass (3900 Meter) vom Ili ins Tarimbecken. Wich-tiger ist der von Kaschgar über die Alaikette nach Kokandführende Terekdawanpass (4300 Meter).
Dieses Hochlandsgebiet — politisch zu Westturkestan ge-hörig — begrenzt das turkestanische Tiefland im Osten. —Im Süden sind es die westlichen Fortsetzungen des Hindukuh,welche die natürliche Grenze des turkestanischen Tieflandesbilden. Dieser Berg wall wird vom Heri-Rud quer durch-brochen, um in der Turkmenensteppe sein Ende zu finden.Westlich dieses Durchbruches löst sich das persische Rand-gebirge in eine Reihe kleinerer Höhenzüge auf, in welchensich enge Schluchten nach der nördlichen Tiefebene hinöffnen. Den mittleren Lauf des Atrek entlang — der in dieSüdostecke des Kaspisees fällt — zieht sich eine breitePlateaufläche weit nach Nordwesten, welche steil zur Turk-menenwüste herabfällt. Eine Fortsetzung dieses Plateaurandesist die kleine Gebirgsgruppe des Grossen Balkan (1640 Meter),welche ihre Ausläufer bis nach Krasnowodsk am Kaspiseeaussendet.
Das eigentliche Tiefland von Turkestan — auch die „Aralo-Kaspische Erd-senke” genannt, ist ein junger Meeresboden, in dessen tiefsten Einsenkungen alsletzte Reste des früheren Meeres, das sich vom Pontus bis zum Eismeere erstreckte,der Kaspisee (439.418 Quadratkilometer) und der Aralsee (66.928 Quadratkilo-meter) zurückgeblieben sind. Beide Seebecken, in deren ersterem die Fische und dieRobben des offenen Meeres noch leben, sind durch die grossen Ströme, welchesich in dieselben ergiessen, ausgesüsst und haben halb salziges Wasser. Der Kaspi-see, das grösste aller geschlossenen Seebecken, hat durch Verdunstung eine grössereMenge Wassers verloren, als ihm durch die Flüsse zugeführt wurde. Seine Aus-dehnung hat sich in Folge dessen verringert und sein Wasserspiegel ist um 26 Meterunter den Spiegel des Schwarzen Meeres gesunken. Dadurch kamen — was sichsonst in solchem Maasse nirgends auf der Erde wiederholt — weite Strecken Fest-landes auf der Scheide beider Continente (bei 300.000 Quadratkilometer) unter dasNiveau des Meeres zu liegen. Der Spiegel des Aralsees liegt 52 Meter über demMeerespiegel, aber bei der Tiefe des Sees von 70 Metern liegt der Seeboden nochunter dem Meeresspiegel (nach F. v. Hochstetter).
Von den Zwillingsströmen, welche vom Rande Plochasiensherabkommen, floss der eine — der Amu-Darja (Oxus) — inunvordenklicher Zeit dem Kaspisee zu. Das alte Strombett desOxus — von den Turkmenen „Usboi”, d. i. „niedrige Ebene”genannt — von seiner Mündung in der Nähe von Krasno-wodsk bis gegen Chiwa durch die neuesten Forschungen derRussen nachgewiesen, liegt jetzt trocken oder ist nur durcheine Reihe von Salzseen bezeichnet, und der Aralsee ist es,der heute die beiden Doppelströme — den Amu-Darja undden Syr-Darja — aufnimmt.
Ungeheure Flächen an beiden Seiten dieser Ströme sind
nichts als uferlose Sand-wüsten — öde, trost-lose, vollkommen sterileWüste mit allen ihrenSchrecknissen—oder ge-fährliche Salzsümpfe,die, mit dicken weissenKrusten überzogen,vomfesten Lande kaum un-terschieden werden kön-nen. Nur in schmalenStreifen begleitenAcker- und Wiesenlanddie Flussläufe. Auch diegegen 220 Kilometerbreite Höheninsel zwi-schen dem Kaspisee unddem Aralsee, das durch-schnittlich 200 Meterhohe Ust-Urt-Pla-teau, ist eine vegeta-tions- und wasserloseWüstenplatte. Erst weitgegen N orden und N ord-westen verwandelt sichdie Sandwüste inSteppe.Klima siehe S. 206.Bewohner,
Die Stellung des Tieflan-des von Turan zwischen Mittel-asien und dem gerade hier zwi-schen dem Ural und dem Kau-kasus offen liegenden Europa,die Lage der naturarmen Steppe und Wüste neben reichen Culturländern, hat vonjeher seine geschichtliche Rolle bestimmt. Von altersher kämpften hier die civilisirtenVölker des Südens und des Westens gegen die Einfälle der wilden und räuberischenNomadenhorden. Die Kämpfe, welche im „Königsbuche” (Schah-nameh) des Ferdusigeschildert werden, spiegeln das Ringen der ältesten arischen Civilisation mit derturanischen Barbarei wieder.
So weit die geschichtlichen Erinnerungen zurückreichen, hausten in dem Ge-biete von Turan Völker türkischen Stammes. Nach der fabelhaften Genealogie,welche moslimische Schriftsteller aufgestellt haben, wäre Japhet der Stammvater derTurkvölker. Er hatte acht Söhne, dessen ältester „Turk” genannt wird. SeineSöhne hiessen „Tatar” und „Mongol” und ein Nachkomme des letzteren war Oghus-Khan. Das oghusische Reich muss ziemlxh ausgedehnt gewesen sein, denn nach demAbleben seines Begründers gab es nicht weniger als sechs legitime Thron- undTerritorialerben, Söhne des Verstorbenen, welche Alle bedeutenden Landbesitz er-hielten. Wie diese Erben hiessen, hat die Ueberlieferung verschwiegen, beziehungs-weise sich mit nichtssagenden Titulaturen begnügt. Es gab einen Khan des Himmels,einen des Meeres und einen des Berges; drei andere hiessen die Khane der Sterne,des Mondes und des Tages. Nur die drei erstgenannten wurden neue Stammgründer,und zwar behielt der „Khan des Berges” die Herrschaft der Oghuscn, während der„Khan des Meeres” sich an die Spitze der Seldschuken, der „Khan des Himmels”an jene der Türken stellte (nach Hammer-Purgstall).
Der „Khan des Meeres” und „Seldschuk” (der ein .Sohn des Oghus gewesensein muss) sind sonach identisch. Historische Gewissheit besteht nicht, denn eineandere Ueberlieferung verwirrt die Angelegenheit noch mehr. Es soll nämlichwährend eines Krieges Oghus-Khan’s gegen das Reich „Kara-Kathei” (Mongolei)das Weib eines gefallenen Befehlshabers in einem hohlen Baume („Kiptschak”)einen Knaben geboren haben, welcher der Stammvater der gleichnamigen türkischenHorde und Gründer des Reiches Kiptschak wurde. Uebereinstimmend wird„Turk” als Vater der Zwillinge „Tatar” und „Mongol” bezeichnet, wodurch die drei
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