334
B. Mittelamerika. — II. Der westindische Archipel.
Das glänzendste sociale Leben herrscht wohl in derHavana. Die elegante Welt hat die vornehme und ziemlichstille „Neustadt” inne, wo sich die schönsten Privathäuser,die vornehmsten Promenaden, die besuchtesten Kaffeehäuser,die Theater und das Casino Espaiiol befinden. Die prächtigeBoulevardstrasse „Paseo de Isabel” durchzieht dieses fashio-nable Viertel in seiner ganzen Ausdehnung. Eine doppeltePalmenallee maskirt die zum Theile prachtvollen, statt derFensterscheiben mit bunten Eisengittern versehenen Gebäudeund auf den breiten Fahrwegen tummeln sich Reiter undWagen in buntester Abwechslung. Welche Gestaltenfiille,welche Farbenpracht! Abends drängt sich die elegante Weltin den prächtigen Cafes oder sie lustwandelt im Garten desGeneralcapitäns. Im Jardin Botanico wetteifert Frauen-schönheit mit blendendem tropischen Blumenreiz. DunkeläugigeSefioritas flüstern wie die zartbefiederten Palmenwedel imAbendwinde, und wenn jene ihre Neugierde im Kreise derFreundinnen befriedigt haben, besteigen sie die „Volante”
(einen offenen, hochräderigen Wagen), mit der sie den Paseode Tacon hinabjagen, um dem Tacontheater ihren Besuchabzustatten. Es ist ein Riesengebäude und fasst an 3000 Zu-schauer . . . Der Eindruck des gefüllten Hauses ist ein über-aus glänzender: die Damen in grosser Toilette in ihren Logenheben sich wie ein strahlender Kranz von der „Luneta” (demParterre), dem ausschliesslichen Sitze der schwarzgekleidetenHerren, ab.
Politische Eintheilung. Die Grossen Antillen und die KleinenAntillen, sowie die Bahamainseln sind in politischer Beziehungin zahlreiche Einzelbesitze zersplittert. Mit Ausnahme der beidenRepubliken auf Haiti sind alle übrigen Inseln Colonialbesitz einerAnzahl von europäischen Staaten, nach welchen die Inseln inder nachfolgenden Eintheilung gruppirt sind.
1. Haiti mit den beiden Negerrepubliken Haiti und Santo
Domingo. #
2. Spanische Besitzungen: die Inseln Cuba und Puerto-*rico von der Gruppe der Grossen Antillen.
3. Britische Besitzungen: a) die Insel Jamaica vonden Grossen Antillen; b) in der Gruppe der Kleinen Antillendie Eilande: Anguilla, St. Christopher, Newis mit Redonda, Bar-buda, Antigua, Montserrat, Santa Lucia, Dominica, St. Vincent,Grenada mit Grenadinen, Barbados, Tabago und Trinidad; c) dieBahamainseln; d) die Jungferninseln (Brit. Virgin-Islands);e) die Caymaninseln, südlich von Cuba.
4. Französische Besitzungen: die Kleinen Antillen St.Barthelemy, Guadeloupe, Maria Galante, La Desirade, La petitTerre, Les Saintes und Martinique; ausserdem ein Theil derInsel St. Martin.
5. Niederländische Besitzungen: die Kleinen AntillenCurafao, Bonaire, Aruba, St. Eustach und Saba; ausserdem einTheil der Insel St. Martin.
6. Dänische Besitzungen: die Kleinen Antillen St. Croix,St. Thomas mit dreizehn kleinen umliegenden Eilanden und St.John mit einem Theile der Krabbeninsel.
In der nachfolgenden Beschreibung der Antillen haltenwir uns an die bequemere und übersichtlichere geographischeEintheilung.
Insel Haiti trennt; gegen Süden das Antillen-meer, welches Cuba von Jamaica und vonMittelamerika scheidet, und gegen Westen derCanal von Yucatan, der sie von der RepublikMexico trennt.
Von dem Gesammtareal der Insel sindnur etwa 10% der Cultur zugeführt; fast 56 'V 0entfallen auf das Waldland, der Rest auf Wei-den und unanbaufähiges Land. Die meistenKräfte des Landes nimmt der Ackerbau inAnspruch; Hauptculturen sind Tabak undZuckerrohr. Die einst blühende Kaffeeculturhat abgenommen. Die Cultur der Baumwolleist nicht sehr entwickelt. Ausser den vor-genannten Producten werden noch Cacao undIndigo, viel Mais und in einigen DistrictenReis cultivirt. Von Mineralien sind nurSteinsalz und Kupfer in ausreichender Meng*evorhanden.
Der Handel ist nicht unbedeutend; diewichtigsten Ausfuhrartikel sind Kaffee undZucker. Die Insel, namentlich deren nördlicherTheil, ist allenthalben von Eisenbahnen durchzogen (18851731 Kilometer). Die Telegraphenlinien massen in demselbenJahre 4564 Kilometer.
An der .Spitze der Regierung steht ein Gouverneur, dem eine fast absoluteMachtvollkommenheit zukommt. Die Verwal tu ng wird von sechs Ministern geleitet.Es herrscht Religionsfreiheit. Spanien unterhält auf Cuba eine ziemlich bedeutendeTruppen macht (circa 20.000 Mann), welche theils dem Mutterlande entnommen,theils aus eingeborenen Elementen gebildet ist.
Hauptstadt der Insel ist La Havana — oder San Chri-stoval de la Habana (200.000 Einwohner)— eine grosse, volk-reiche Stadt an der Nordküste der Insel, vSitz des General-gouverneurs und eines Bischofs. Der Hafen ist vorzüglich undvon ihm aus bietet die Stadt ein malerisches Bild. Ihre Um-gebungen vereinigen mit der Anmuth reizender Nciturscenenunserer Klimate die organische Kraft, welche das Wachsthumder heissen Zone charakterisirt. Neben hübschen, wohlgepflegtenStrassen, ansehnlichen Privatbauten und angenehmen Promena-den sieht man noch vieles Halbfertige: verwahrloste Gassen,Baracken und Gerümpel aller Art. Die Bevölkerung ist aber sehrregsam. Viele Spanier kommen nur deshalb hierher, um sich inkurzer Zeit Reichthümer zu sammeln und lassen deshalb ihreFamilien im Mutterlande zurück.
Die Stadt besitzt neben anderen ganz trefflichen Anstalteneine gut geleitete Universität, eine nautische Schule, eineAnstalt der bildenden Künste u. a. m. Eine grosse Zahl schönerKirchen, darunter die grosse Kathedrale, welche von 1794 bis1887 die sterblichen Reste des Christoph Columbus einschloss(dieselben ruhen nunmehr in Genua), dient der Stadt zur Zierde.Die Hafenanlagen sind sehr ausgedehnt und wären namentlichdas Schwimm- und das Trockendock hervorzuheben. In welchemZustande sich die Befestigungen befinden, wissen wir nichtanzugeben.
Negerin von Haiti.
1. Die Grossen Antillen.
Zu der Gruppe der GrossenAntillen gehören: Cuba (spa-nisch), Puertorico (spanisch),Jamaica (britisch) und Haiti(mit den Republiken „Haiti”und „Santo Domingo”).
a) Die Insel Cuba.
Flächeninhalt: 118.833 Quadrat-kilometer; Bewohnerzahl: circa T5 Mil-lionen Seelen, wovon fast 1 Million Weisse,circa 300.000 Mischlinge und circa 200.000Neger sind.
Cuba ist die grösste derwestindischen Inseln. Ihre Gren-zen sind: gegen Norden derGolf von Mexico, die Strassevon Florida und der Bahama-canal; gegen Osten der zuletztgenannte Canal, dann der vonden vSeefahrern „Passe du Vent”(Windwardpassage) genannteCanal, welcher Cuba von der
In einem Grrten zu Havana.
Andere grössere Orte auf Cuba sind: M an tan za s (88.000 Einwohner), inmalerischer Lage, östlich von Havana, mit geistig sehr rühriger Bevölkerung. In derVorstadt „Pueblo nuovo” viele industrielle Etablissements (darunter Giessercicn). —
San Jago de Cuba (71.000 Einwohner),bereits 1514 gegründet, wohl die ältesteStadt Cubas, an der Küste terrassenartigansteigend, aber zugleich am Rande einerLagune, welche das Klima ungesundmacht. Die Umgebung ist mit vielenLandhäuschen geziert, welche mitten inreichen Zuckerrohr- und Kaflecplantagenliegen. Das gewerbliche Leben ist beach-tenswerth; es giebt Cigarren- und Kerzen-fabriken, Eiscngicssereicn und Maschinen-fabriken.— Manzanillo (7000 Einwoh-ner), ausgezeichnet durch seinen Handelmit Edelholz, Honig, Zucker und Tabak.— Puerto Principe (20.000 Einwoh-ner), im Inneren des Landes, reges Han-delsstädtchen.
b) Die Insel Puertorico.
Flächeninhalt: 93T4 Quadratkilo-meter; Bewohn erzähl: circa 800.000Seelen, wovon nahezu die Hälfte Misch-linge und Neger sind.
Puertorico (oder Porto-*rico) ist eine der gesundesten,in ihren ökonomischen Verhält-nissen blühendsten Inseln der