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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Die Polargebiete. — Allgemeine Uebersicht.

Polarlandschaft: Das Felsenthor am Conneryfluss (Arktisch-Amerika).

vom Meere bespült wird. Nördlich der langgestreckten Nordküste von Sibirien sindbisher in grösserer Entfernung von ersterer Küsten oder Inseln noch nicht entdecktworden, und es bleibt die Frage offen, ob nach jener Richtung über den Nordpolhinaus bis zu den nördlichsten Inseln von Arktisch-Amerika ein offenes Meer vor-handen, oder ähnliche Inselgebiete sich dehnen, gleich jenen zwischen Grönland undNordamerika, oder zwischen Grönland und Franz Joseph-Land. Dass dieses Meer kein„offenes” im Sinne der Seeschifffahrt sein könne, ist nach unserer heutigen Kenntnissvon der physikalischen Natur der Polarregionen so viel als gewiss. Die achtzehnBreitengrade, welche den Raum zwischen dem bisher erreichten höchsten Punkt biszum geographischen Pole bezeichnen, dürften aller Wahrscheinlichkeit nach selbstdann, wenn wir es hier mit keiner festländischen, sondern mit einer marinen Regionzu thun haben sollten, ein ungeheures vereistes Gebiet sein, dessen Durchforschungzu Schiff sich auch in Zukunft als eine Unmöglichkeit erweisen wird. Julius Payerist der Ansicht, dass die Erreichung des Poles erst dem Zeitalter der ausgebildetenLuftschifffahrt Vorbehalten sei.

Der gesammten bekannten und unbekannten arktischenInselwelt hat man den Namen „Arktis” gegeben und sie alsdie Fragmente eines vormals grossen Continents bezeichnet.Die weitaus grösste Mannigfaltigkeit zeigen diese „Fragmente”in jenem vereisten Archipel, welcher den Namen „ArktischesAmerika” führt und der der Nordküste des amerikanischenContinents vorgelagert ist. Die breiteste Zufahrt findet sich imOsten, in dem Raume zwischen jenem Archipel und Grönland.Durch diese Passage — an der Mündung* Davisstrasse, in derMitte Baffinbai, im äussersten Norden Smithsund genannt —haben alle grossen Expeditionen in diesem Abschnitte der ark-tischenRegion ihren Verlauf genommen. An diese Strasse knüpfensich die Namen Davis, Baffin, Hudson, Franklin, Kane, Hallu. v. a. Die meisten Nordpolfahrten aber verliefen in demRaume zwischen Grönland und Nordeuropa, nördlich von Island,Jan Mayen, Spitzbergen und Nowaja Semlja. Das Vor-dringen durch die Beringstrasse hat sich wiederholt und erstneuerdings („Jeannette-Expedition”) als aussichtslos erwiesen. Diekühne, epochemachende Fahrt Nordenskiöld’s längs der ganzenNordküste von Asien hat zwar das Problem der sogenannten„Nordöstlichen Durchfahrt” gelöst, jedoch keine praktischenErfolge zu verzeichnen gehabt. #

Weit unzureichender ist es mit der Kenntniss der süd-lichen Polarregion bestellt. Wohl kennt man auch hierfestes Land, aber dasselbe erstreckt sich nur an einer Stelle,und zwar am südlichen Polarkreis. Nur das eisige Victoria-land rückt noch weiter (bis in 79° Südbreite) vor und istausgezeichnet durch kolossale Berggipfel, deren einer — dercirca 4000 Meter hohe Erebus — ein thätiger Vulcan ist.Dafür ist die antarktische Region vermöge ihrer grösserenKälte und ihrer ausgedehnteren Wassermassen der wahreTummelplatz schwimmender Eismassen. Eine Flotte vonsolchen Bergen und Schollen, welche einst Capitän Boutonwestlich vom Cap Hoorn in 50 0 Südbreite antraf, hatte eineAusdehnung von 2500 Seemeilen; einzelne dieser Eisbergewaren über 250 Meter hoch.

Einen Vorgeschmack von der arktischen Natur giebt schon Spitzbergen,eines der am besten erforschten Länder der Polarregionen. Neun bis zehn Monateherrscht hier der Winter; das organische Leben ist spärlich wegen des Mangelsan Licht und Wärme. Hier beobachtet der Naturforscher die letzten Pflanzen und

die letzten Thiere; er steht sozusagenan der äussersten Grenze der Floraund Fauna. Alle Thäler sind mit ge-waltigen Gletschern erfüllt und diesereichen bis ans Meer. Die spitzbergi-schen Inseln geben uns ein getreuesBild der Eiszeit, welche unserer jetzi-gen geologischen Epoche unmittelbarvorausgegangen ist. Während der Eis-zeit war ganz Europa bis zum 53. 0Nordbreite mit einem Eismantel be-deckt. Alle Thäler der Vogesen, desJura, der Alpen, der Pyrenäen und derKarpathen, des Kaukasus und des Hi-mälaya, ferner Neuseeland, waren mitGletschern erfüllt, die sich mehr oderweniger in die Ebenen \orgeschobenhatten. Spitzbergen veranschaulicht unsalso eine geologische Erscheinung,deren Spuren wir fast auf dem ganzenErdball verfolgen können.

Die Witterung in dieser polarenRegion ist sehr unbeständig. VölligeWindstille wechselt ganz plötzlich mitheftigen Sturmstössen; ein paar Stundenlang ist der Himmel klar, dann über-zieht er sich plötzlich mit dichtemGewölk. Nebel sind fast immer vor-handen und im Herbste sind sie vonunglaublicher Dichtigkeit. Die Sonnescheint immer matter und am 27. Oc-tober geht sie für viele Monate unter.Allerdings ist die erste Nacht nur eineverlängerte Dämmerung und um Mittaggewahrt man einen röthlichen Schein;aber die Dauer dieser Dämmerstunden nimmt rasch ab und nach kurzer Zeit um-schliesst die eisige, finstere Polarnacht die weitläufige unheimliche Oede.

In dieser finsteren schrecklichen Todesstarre bildet dasPolarlicht (Nord- und Südlicht) das belebende Element. DiePolarlichter erhellen bald schwächer, bald stärker die langePolarnacht und bilden in ihrer Art eine bezaubernde Feerie(vgl. S. 34). Eine gewisse Wechselbeziehung zwischen denNordlichterscheinungen zum Erdmagnetismus haben die Theo-rien und Hypothesen verursacht, welche das Nordlicht alseine magnetische Erscheinung bezeichnen. A. v. Hum-boldt nannte vollends das Nordlicht ein „magnetisches Gewitter”.Es ereignet sich aber, dass selbst bei intensiven Nordlicht-erscheinungen keine oder nur äusserst geringe Störungen imGange der erdmagnetischen Elemente zu constatiren sind,namentlich in höheren Breiten; ja in grösster Nähe des magne-tischen Nordpols konnten Parry, Kane und die deutsche Polar-expedition an der Ostküste von Grönland während des Nord-lichtes keine oder nur sehr geringe Störungen wahrnehmen,während Weyprecht in grösserer Entfernung vom magnetischenPole von grossen und continuirlichen Störungen der Variationder Magnetnadel berichtet. Aus diesen sich widersprechendenThatsachen geht hervor, dass der Erdmagnetismus und seineErscheinungen wohl mit dem Polarlicht in Beziehungen stehen,aber keineswegs dasselbe bedingen, vielmehr dass beideErscheinungen wahrscheinlich auf eine gemeinsame Ursachezurückzuführen sind.

Ist auch die Natur und die Entstehung des Nordlichtes noch ziemlich un-erforscht, so steht doch dessen Zusammenhang mit dem Erdmagnetismus ausserZweifel. Heute ist man dahin gekommen, das Nordlicht auf elektrische Ausströmungender Erde zurückzuführen. Nach Ampere ist der Erdmagnetismus durch elektrischeStröme hervorgerufen, welche die Erde beiläufig in der Ostwestrichtung durchkreisen.Diese Stromkreise müssen gegen die Pole zu immer enger werden und somit gewisser-maassen in eine Spitze (einen Knoten) auslaufen. Da die Erde negativ elektrisch ist,

Das Polarlicht.

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