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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Die Polargebiete. Allgemeine Uebersiclit.

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b) Die Fauna. Von weit grösserer Mannigfaltigkeit zumTheile sogar von grosser ökonomischer Bedeutung ist dieThier weit der Polarländer. Sie begreift Land- und Seesäuge-thiere, Vögel und Fische in sich. Die wichtigsten Landsäuge-thiere sind: der Polarbär (Eisbär), das Ren, der Moschus-ochs, der Eskimohund, ferner Polarfuchs, Polarwolf undPolarhase. Die wichtigsten Seesäugethiere sind: Wale (undzwar der Grönlandswal und der Narwal), und mehrere Artenvon Robben (Seehunde, Walrosse, Rüsselrobben). Unermesslichsind die Vogelschaaren, welche einzelne festländische Stricheder arktischen und der antarktischen Region bewohnen.

Der Polarbär ist ein starkes und jedenfalls das gefährlichsteRaubthier der Polarländer; aber über seine Furchtbarkeit warenbislang Uebertreibungen aller Art im Schwange. Kane war derErste, welcher alte Schauermären berichtigte, und in neuererZeit hat Julius Payer bestätigt, dass der Polarbär lange nichtso schlimm ist, als man ihn früher machte. Die kleinen schwäch-lichen Eskimo, denen man gewiss keine Heldenthat zumuthenwird, jagen den Eisbär mit grosser Bravour, häufig mit denprimitivsten Waffen: Stangen, an deren Enden Messerklingengebunden sind. Das Ungeheuerliche der Erscheinung beruhthauptsächlich darauf, dass das ohnedies sehr in die Länge ge-streckte Thier sich gerne auf die Hinterbeine stellt, wodurches an Grösse bedeutend zu gewinnen scheint. Auch dürfte eskeine besondere Annehmlichkeit sein, mit dem Gebisse desThieres nähere Bekanntschaft zu machen, wenn es wieScoresby erzählt wahr sein sollte, dass das Durchbeissenfingerdicken Eisenbleches dem Thiere keine aussergewöhnlicheAnstrengung mache (?)... Nähere Schilderungen über dieLebensweise des Polarbären wird uns der Leser wohl erlassen,da derlei jedes naturgeschichtliche Hand- oder Lehrbuch enthält.

Das Ren (oder Renthier) kommt jetzt innerhalb der Polar-gebiete nur mehr in einigen Strichen von Grönland und aufden Inseln von Arktisch-Amerika vor. Das Thier ist dasgeschätzteste Wild der Eskimojäger. Ein wahres Eldorado fürdie Renthierjagd ist der südöstlichste Theil von König Wil-helms-Land (Arktisch-Amerika), wo die Thiere während desSommers auf den Mooswiesen des nördlichen und westlichenTheiles der Insel reichlich Nahrung finden; naht aber der Herbst,dann sammeln sie sich in grossen Heerden, die täglich unterder Führung prächtiger Böcke zum Meeresstrande kommen.

Es ist nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Thiere, was dieRenthierkost zum Hauptnahrungsmittel der Eskimo macht. Namentlich die Böckesind sehr fett und die Dicke des Talges an den Rückenseiten erreicht oft 5 Centi-meter. Der Talg ist unter den Eskimo eine grosse Delicatesse und der PolarreisendeHeinrich Klutschak gesteht, dass auch ihm diese Speise zusagte . . . Die Jagd wirdwie folgt betrieben . . . Klommt ein Jäger, oder ein ganzer Trupp von Jägern, aufSchussweite an die Renthiere heran, so beginnt die Füsilade, welche längere Zeitanhält, da die Thiere in ihren Bewegungen ungemein unbehilflich sind.Während einverfehlter Schuss auf einen Hirsch die rasche Flucht des letzteren zur Folge hat,fängt beim Ren, wenn der Schuss fehlgegangen ist, die Jagd erst an. Ein Renkann, wenn es der Jäger versteht, jenem der Landformation entsprechend zu folgen,

Eskimohütten mit Renthiergeweihen und Renthierfallen.

stundenlang verfolgt werden und es wird das Thier dem Jäger immer wieder Ge-legenheit geben, zum Schüsse zu kommen. Treibjagden sind den nordischen Völkernunbekannt. Im Winter bilden die Renthiere nur selten das Jagdziel der Eskimo undfür die Stämme, welche noch keine Feuerwaffen besitzen, ist die Zuhilfenahme vonFallen unerlässlich. Zu diesem Zwecke werden in tiefe Schneebänke Gruben ge-graben und mit einer dünnen Kruste aus Schneetafeln, die durch ins Wasser getauchtenSchnee zusammengehalten werden, überdeckt. Um die Thiere auf die gefährliche Stellezu locken, wird Hundeharn, dem die Renthiere des Salzgehaltes wegen nachgehen,auf den Schnee der Umgebung und auf die Fallendecke geschüttet. Die Thiere

brechen dann durch und fallen ihren Nachstellern zur Beute. Aus den Fellen desRen fertigen die Eskimo Kleider an, die Geweihe liefern ihnen das Material zuallerlei Geräthen und Werkzeugen, oder es werden jene an der Aussenseite derHütten als Schmuck angebracht. Das Renthierfleisch ist namentlich im gebratenenZustande sehr schmackhaft, die Suppe von gekochtem Fleisch fett und nahrhaft. DieFelle der Renthiere sind vom December bis Ende Juni zu Pelzkleidern unbrauchbar,da vermöge des Haarwechsels die Haare ausfallen, und weil sich in der angegebenenZeit eine Unzahl Schmarotzerthierchen durch die Haut gefressen hat, die auch dasLeder, falls es als solches verwendbar wäre, zu jeder Benützung ungeeignet machen.

Eisbär und Robbe.

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Ein anderes Jagdwild geben die Moschusochsen ab. Siesind nicht scheu und lassen die Jäger bis auf 30 Schritte heran-kommen. Einmal von den Hunden umringt, ist die Heerde voll-ständig die Beute der Jäger. Doch dürfen sich die Hunde demWilde nicht zu sehr nähern, da dieses sodann zum Angriff über-geht und den vorwitzigen Gegner auf die Hörner nimmt.

Der Moschusochs ist in seiner Gestalt dem amerikanischen Büffel sehr ähnlich,aber kleiner, sehr langhaarig und mit scharf gebogenen, eng an den Seiten des Kopfesanliegenden Hörnern. Die Hörner übergreifen, mit ihren Wurzeltheilen eng aneinander-scliliessend, den ganzen oberen Theil des Schädels. Der Moschusochs lebt in kleineren,bis zu 30 Stück zählenden Heerden beisammen, nährt sich von den in den arktischenRegionen vorkommenden Moosen und ist, was seine Wachsamkeit anbelangt, einesder vorsichtigsten Thiere. Für den nordischen Reisenden ist das Vorkommen desMoschusochsen in den höchsten Breiten (bis in 8o° Nordbreite an der Küste vonWestgrönland) wichtig, da sein Fleisch zäh, daher für die Zughunde ein weit aus-giebigerer Nahrungsstoff ist, als Renthier- oder Seehundfleisch. Für den Menschenbildet das Fleisch des Moschusochsen, seines starken Moschusgeruches halber, nurin der Noth ein Nahrungsmittel, dagegen ist im Winter der Talg für den Eskimo eingesuchter Leckerbissen.

Der Polarwolf, in Grönland selten, tritt sehr zahlreich inArktisch-Amerika auf. Man unterscheidet dreierlei Arten; diekleinste Art ist von schwärzlich-brauner Färbung und hat mitdem mitteleuropäischen Wolfe viel Aehnlichkeit. Der eigentlichePolarwolf ist von grosser Körpergestalt, weisslich-grau undkommt nur einzeln vor, während die dritte Art, von Mittel-grösse, von hellröthlich-brauner Färbung ist und an Raubthier-manieren die Repräsentanten der beiden ersteren Arten über-trifft. Diese letztere Art kommt stets in Rudeln vor und greiftnach Angabe der Eskimo selbst den Menschen an. Ueberdie Polarfüchse ist weiter nichts zu sagen.

Von grossem Nutzen für die Bewohner der arktischenRegion und für Forschungsreisen zu Land in derselben sinddie Hunde, die sogenanntenEskimohunde. Sie leisten Ausser-ordentliches im Zug und ertragen Tage lang, ja eine ganzeWoche hindurch Hunger. Dabei sind diese Thiere ausserordent-lich anhänglich, klug und folgsam. Die Hauptsache ist, dassman sie fett erhält, wodurch sie der grimmigen Kälte mehrWiderstand entgegensetzen können. In Ermangelung von See-hundfleisch oder Renthierfleisch begnügen sich die Eskimo-hunde auch mit Fischen. Gegen Kinder, die auch bei denEskimo gern mit Hunden spielen, und diese mitunter zu quälenpflegen, sind sie besonders geduldig und zahm. Kommt esindess vor, dass ein Hund dennoch beisst, so ist es wieH. Klutschak erzählt unter den Eskimo Sitte, dass das Thiersofort erschlagen werde.

Die Eismeere, im geographischen Sinne steril, öde, vonEismassen starrend und dem Menschen nur schwer zugänglich,zählen seltsamerweise in wirthschaftlicher Beziehung zu denertragreichsten Gebieten des Weltmeeres. Seit Jahrhundertenwerden sie beschifft, und die Reichthümer, welche der Erlös

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