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Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
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Die Polargebiete.- Allgemeine Uebersicht.

Moschusocbsenj agd.

der innerhalb langer Zeitläufe gemachten Beute repräsentirt,halten mit denjenigen die Wage, welche das Goldfieber aus denMinen der Neuen Welt zu Tage gefördert hat. Während aberdie Edelmetalle mit jeder Tagfahrt abnehmen, sorgt die Naturim Eismeere für die unbegrenzte Vermehrung des angedeutetenReichthums, der in den grossen Mengen von Nutzthieren besteht, welche wie Wal und Robbe theils die eisigen Fluthen jener Region, theilswie die ungeheuren Massen von Vogelwild das nordische Luftmeer mitihren Schaaren bevölkern.

Von den Walen gehört nur der sogenannte Grönlandwal den Polarregionen, und zwar demarktischen Wassergebiete an. Er ist der Typus aller Wale, derWalfisch schlechtweg, und ist ge-wissermaassen an das Eis gebunden. Durch diese Gewohnheit entrinnt eine grosse Anzahl von Walenden alljährlichen Jagden, da jene in die vereisten Regionen, die dem Menschen wenigstens untergewöhnlichen Umständen verschlossen sind, zu entweichen vermögen. Nur diesem Umstande ist es zuverdanken, dass der von Jahr zu Jahr in Massen hingemordete Wal vor gänzlicher Ausrottung be-wahrt ist . . . Eine zweite Gattung der arktischen Wale ist der Finnwal.

Die Wale bilden bekanntlich eine kostbare Jagdbeute. Speck, Thran, Barten (Fischbein) sinddie gewinnbringenden Gegenstände. Mit dem Fleisch der Wale geben sich die Walfänger nicht ab,sie überlassen die Cadaver den Leichenfressern des Meeres, welche auf diese Weise alljährlich zuausgiebigen Mahlzeiten kommen. Nur die Eskimo machen hiervon eine Ausnahme und für sie istauch das Fleisch des Thieres eine unschätzbare Beute. Da es Bartenwale giebt, welche bis 100.000Kilogramm (2000 Centner) schwer werden, ist ein solcher Fang für genügsame Eskimo allerdingsnicht zu unterschätzen.

Die Walfängerei war zu gewissen Zeiten nicht nur ein sehr einträgliches Gewerbe, sondernzugleich die grosse Schule, in der das Fischervolk durch seltene Unternehmungslust seine See-tüchtigkeit grosszog und das Material zu den besten Seeleuten der Welt abgab. Mich eiet behauptetnicht mit Unrecht, dass der Walfänger der älteste und kühnste Pionnier auf dem Gebiete der Ent-deckungsreisen zur See sei, und dass er, lange vor Columbus, den Weg nach Amerika gefunden. DieFahrt über den Ocean, welche im 15. Jahrhundert zu den Grossthaten jener Zeit gezählt wurde: siewurde unzähligemale vorher durch Walfänger bewirkt, die bis in das Nordmeer vorgedrungen warenund von dort aus das amerikanische Festland in Sicht bekamen und höchst wahrscheinlich auch be-

keit und ihren Unternehmungsgeist, durch den sie zu der Entdeckung und Besiedelungentfernter Länder angetrieben wurden. Holländische Walfänger sind die Entdeckervon Spitzbergen gewesen.Durch die Wale wurden die Holländer sogar in die Nähedes Poles zu einer sehr merkwürdigen Ansiedelung veranlasst, ihrer berühmten Fischer-colonie Smeerenberg, die zur Zeit des Hauptfischfanges von hunderten von Schiffenund vielen tausenden von Seefahrern, Handwerkern und Kaufleuten derart belebt war,dass man Anfangs zweifelte, ob dieser grosse arktische Thranort, oder das inderselben Zeit in Ostindien gegründete Batavia für Holland bedeutsamerwerden würde. (J. G. Kohl.) Ob holländische Walfänger wie sie Seinerzeit selberbehaupteten quer über den Nordpol hinweggesegelt, oder ihn umschifft hatten, magdahingestellt bleiben; so viel ist aber gewiss, dass der Walfang der Holländer die Oceano-graphie des Nordens bedeutend förderte und den Europäer mit der Schifffahrt im Eis-meere vertraut machte.

Unter den Polarwalen ist der Finnwal der grösste, derGrönlandswal der wichtigste. Bei letzterem lohnen allein Fisch-bein und Speck die Jagd. Die Menge Thran, die ein Thierliefert, steht in der Regel in einem bestimmten Verhältniss zuder Länge seiner längsten Barten, so dass der Fischer sofortweiss, wie er daran ist. Sind die längsten Barten beispielsweise0*3 Meter lang, so ist eine Thranernte von 1-5 Tons zu er-warten; bei 1*3 Meter Bartenlänge 4 Tons; bei 3 Meter Barten-länge 13*5 Tons; bei 4 Meter Bartenlänge 21 Tons u. s. w. DerSpeck umkleidet das ganze Thier und befindet sich derselbeunmittelbar unter der Haut. Die Dicke der Speckschicht be-trägt mitunter einen halben Meter. Die Knochen sind sehrporös, desgleichen der Schädel, wodurch das Körpergewichtdes Thieres bedeutend entlastet wird. Bei einem grossen Thiervon circa 20 Meter Länge beträgt bei einem Gesammtgewichtdes Körpers von 70 Tons das Gewicht der Knochen desKopfes, des Fischbeins, der Flossen und des Schwanzes

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treten haben mögen, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Erwiesen ist, dass durch Walfänger Bepackter Eskimohund,

sehr schätzenswerthe Entdeckungen gemacht wurden, speciell im Bereiche von Spitzbergen und Grön-

land. In jüngster Zeit sind erfahrene Walfänger häufig von Expeditionsschiffen nachder arktischen Region als Lootsen an Bord genommen worden.

Im 14. und 15. Jahrhundert waren neben den Basken die Engländer, Hol-länder und Norweger die Repräsentanten der nordischen Walerei. Die Holländerverdanken wohl vor Allem der Eismeerfischerei, die so ungewöhnlich viel Muth undGeschick zur Ausübung erfordert, ihre schon in alten Zeiten gepriesene Seetüchtig-

Walfänger im arktischen Eise.

10 Tons, das Gewicht des Rumpfes 30 Tons, das des Speckesgleichfalls 30 Tons. Da der Speck schwimmt, hat der Waleigentlich nur ungefähr sein halbes Körpergewicht zu tragen.Die Schwimmfähigkeit richtet sich aber nach dem Verhältnisszwischen dem Eigengewicht und dem Gewicht der ver-drängten Wassermasse, und ist diese Schwimmfähigkeit um sogrösser, je bedeutender die verdrängte Wassermenge ist. Beidem enormen Körperumfange des Wales erklärt sich also indieser Richtung die grosse Behendigkeit des Thieres im Wasser.

Moriz Lindemann, dem wir eine ausgezeichnete Mono-graphie über dieArktische Fischerei der deutschen Seestädteverdanken, hat sich bei erfahrenen Walfängern in Bezug aufdie Jagdgründe näher informirt. Darnach wäre der 70. 0 Nord-breite die südlichste Grenze, bis zu der, wenn auch selten, Waleangetroffen werden. Im Allgemeinen gilt bei den deutschenFischern die Regel, dass im Frühsommer die Fischerei vorzugs-weise auf dem 78. und 79. 0 Nordbreite, im Hochsommer da-gegen auf dem 73. bis 75. 0 Nordbreife ergiebig sei. Um Spitz-bergen erstreckt sich die Fischerei bis in 8o° Nordbreite undetwa zwei Breitengrade südlicher. Nur im Juni erweitert sichdie Zone bis zum 75. 0 Nordbreite. Das unergiebigste Gebiet istdie Zone zwischen dem 77. und 77*5." Nordbreite. Auf der Breitevom 77. bis zum 77*5.° Nordbreite wird selten ein Fisch ge-fangen, daher nennen die Engländer diese Zone ,,the dead lati-tude, die Deutschendas taube Wasser.

Von grossem Einfluss auf das Auftreten des Wales sinddie Eisverhältnisse. Als Regel gilt, dass sogenanntesvSüdeis,d. h. die geschlossene Eismasse, welche am weitesten nach Südenreicht, ein ergiebiges Jagdjahr giebt, während kleines und zer-