Karte 
Die Erde in Karten und Bildern : Handatlas in 63 Karten nebst 125 Bogen Text mit 1000 Illustrationen / unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von der Verlagshandlung ; Karten-Gravure und -Druck von G. Freytag & Berndt
Entstehung
Seite
426
JPEG-Download
 

426

Die Landgebiefe der Polarregionen. — I. Die arktische Region.

rottet worden sein. Von grösse-rer Wichtigkeit ist noch immerdie . Ausbeute an Eiderdunen.

Ueberhaupt ist Spitzbergen derTummelplatz ungeheurer Men-gen von See- und Wander-vögeln. Von Landvögeln istnur das Schneehuhn vorhan-den, zugleich der einzige Vogel,der auf Spitzbergen überwin-tert. Es ist ein Räthsel, wiedieses Thier es fertig bringt,sich in der langen Winterszeitzu ernähren, namentlich wäh-rend der mehrere Wochen lan-gen Polarnacht.

Oestlich von Spitzbergen,durch die Olgastrasse vondiesem getrennt, liegt das KönigKarl-Land, welches im geogra-phischen Sinne nichts Anderesals ein Theil des Archipels vonSpitzbergen ist. Auf älterenKarten figurirte auf dieser Stelledas „Gillisland”, das mit der

Zeit zu einer Art von Sagenhaftigkeit gelangte, da es mehr-mals gesehen, niemals aber erreicht, geschweige betreten wurde.Seit dritthalb Jahrhunderten figurirte ferner auf englischenKarten ein Land im Osten von Spitzbergen, das 1617 vonenglischen Seefahrern in 79 0 Nordbreite gesehen und nachRichard Wyche, einem angesehenen Londoner Kaufmann,„Wycheland” genannt wurde. Da nun dieses letztere auf denälteren Karten viel zu südlich eingetragen wurde, währendCapitän Gillis im Osten von Spitzbergen, und zwar viel nörd-licher ebenfalls Land entdeckte, entstand die irrige Vorstellungvon der Ausdehnung eines Landgebietes im Osten von Spitz-bergen zwischen 81*5° und 75 0 Nordbreite.

Erst die Jahre 1870 bis 1872 brachten Klarheit in dieseverworrene Frage. Es hat sich nämlich herausgestellt, dassWycheland eine Insel von etwa 3850 Quadratkilometer ist, sichzwischen 78° 33' und 79°9' Nordbreite (im Osten von Spitz-bergen) ausdehnt, tief eingebuchtete Umrisse besitzt und mehrereüber 600 Meter hohe Berge trägt. Im Jahre 1870 erblicktenGraf Zeil und v. Heuglin vom Middendorf berge der Edge-Insel(Spitzbergen) aus nicht nurdas Vorland, sondern auchdie entfernteren Berge derInsel als eine lange Reihevon hohen, zackigen undzum Theile mit Schnee be-deckten Gipfeln. Die oben-genannten Reisenden nann-ten die Insel nach ihrem Lan-desherrn, dem König Karlvon Württemberg, KönigKarl-Land.

5 * Franz Joseph-Land.

Durch die erfolgreiche Fahrt,welche im Jahre 1871 dieösterreichischen Polarreisen-den Carl Weyprecht undJulius Payer durch das Meervon Spitzbergen (den Theildes nördlichen Eismeereszwischen Spitzbergen undNowaja Semlja) ausgeführthatten, wurde die zweite

Oes terreichi sch-ungarische Nordpolexpedition hervor-gerufen. Sie wurde unter Führung der genannten Reisendenam 13. Juni 1872 von Bremerhaven aus angetreten. Leider warendie Eisverhältnisse diesmal ausserordentlich ungünstig. Schon inkurzer Entfernung vom Cap Nassau auf Nowaja Semlja wurdeder „Tegetthoff” — so hiess das Expeditionsschiff — vom Eiseeingeschlossen, um aus der schrecklichen Haft nicht mehr be-freit zu werden.

Es hat nicht an Stimmen gefehlt, welche dem Befehlshaber des „Tegetthoff”,LinienschifFslieutenant C. Weyprecht, den Vorwurf machten, er habe das Schiff ein-frieren lassen. Dagegen vertheidigte sich der Genannte dahin, dass er das volle Be-wusstsein hatte, das Schiff werde vom Eise besetzt werden, als er am Abend des2 5 * J u li 1872 die Feuer in der Maschine auslöschen liess. Mit vollem Dampfe hätteer wohl noch ein paar Meilen weiter gegen Osten Vordringen können, allein, da indieser Richtung keine Handbreit Wasser sichtbar war, würde das Schiff wahrschein-

Nordspitzbergen.

tim

Die Magdalenenbai auf Spitzbergen.

lieh bald zum Anhalten gezwungen wordensein und der Kohlenverbrauch wäre nutz-los gewesen. Andererseits konnte sichWeyprecht nicht entschliessen, zurück-zugehen und dieser Art die im Laufe derFahrt mit Anstrengung gewonnene Distanzwieder zu verlieren. Das Eis, welches den„Tegetthoff” umgab, war so zerschlagen,dass mit Sicherheit darauf zu rechnen war,der nächste frische Wind aus Ost oderNordost werde es genügend lockern, umdie Fortsetzung der Reise zu gestatten.

Es kam leider anders. Einmal vomEise eingeschlossen, wurde das Schiff einSpiel des Zufalls. Den ganzen Winterhindurch war man wegen der fürchter-lichen Eispressungen in beständiger Be-reitschaft, das Schiff zu verlassen. EndeMärz 1873 hörten die Eispressungen aufund der „Tegetthoff” lag festgefroren inder Mitte eines Eisfeldes, das mehrereKilometer im Umfange hatte. Dieses Eis-feld aber wurde von den Winden in ver-schiedenen Richtungen hin und her ge-trieben. Längst war man im Laufe diesesDahintreibens auf der Scholle in ein Ge-biet eingedrungen, das noch niemals vorhervon Menschen betreten worden war, undfreudige Ueberraschung musste die Hoff-nungslosen erfüllen, als sie am 31. August1873 plötzlich hohe Landmassen, etwa 14 Seemeilen fern, im Norden aus dem Nebelhervortauchen sahen. Dieses Land wurde nun in feierlicher Weise auf den Namen desKaisers Franz Joseph getauft, obwohl es nicht möglich war, noch in demselbenJahre den Boden des entdeckten Landes zu betreten. Am 22. October ging die Sonneunter und nahm eine viermonatliche Nacht ihren Anfang, deren Schatten erst imFrühjahre 1874 wichen. Am 24. Februar erschien die Sonne wieder, und nun beganndie Durchforschung des geheimnissvollen Gebietes durch Julius Payer, welcher in denMonaten März, April und Mai drei sehr erfolgreiche Schlittenreisen unternahm, durchwelche das topographische Detail von „Franz Joseph-Land” festgestellt wurde.

Franz Joseph-Land besitzt, soweit es bekannt ist, eineräumliche Ausdehnung, welche der von Spitzbergen nicht ganzgleichkommt, und besteht aus mehreren grösseren Complexen;Wilczek-Land ist das östliche, Zichy-Land das westlicheHauptmassiv. Zwischen beiden erstreckt sich der Austria-sund. Der nördliche Theil des östlichen Landmassivs wurdeKronprinz Rudolf-Land, und seine nördliche FortsetzungPetermann-Land genannt. Das dem westlichen Landmassivnordwärts vorgelagerte Land erhielt den Namen KönigOscar-Land.

Alle diese Theile sind von zahlreichen Fjorden durch-schnitten und von vielen In-seln umlagert, deren südlich-ste die Wilczek-Insel ist,vor der der „Tegetthoff” ein-gefroren lag und die zuerstbetreten wurde. Eine ge-schlossene Eisfläche, zur Zeitder Payer’schen Reisen zumgrossen Theil nicht älter alsein Jahr, an vielen Stellenvon Sprüngen durchzogenund mit zahllosen Eisbergenübersäet, erfüllte den Austria-sund, die Fjorde, Canäle undBuchten.

Im Gegensatz zu den min-der arktisch strengen Spitz-bergen und Nowaja Semljazeigt Franz Joseph-Land denvollen Ernst der hocharkti-schen Natur; besonders imAnfang des Frühjahres schienes allen Lebens entblösst zusein. Ueberall starrten ungeheure Gletscher von den höherenEinöden des Gebirges herab, dessen Massen sich in schroffenKegelbergen emporthürmten. Alles war in blendendes Weissgehüllt, selbst die steilsten Felswände vom Eis überzogen.Diese hierdurch angedeutete Luftfeuchtigkeit eines Landes,dessen mittlere Jahrestemperatur etwa —17° C. beträgt, weistauf seinen Inselcharakter hin, denn sowohl Grönland als Sibirienzeichnen sich im Winter durch trockene Kälte aus, und es warauffallend, dass selbst nördliche Winde eine Verminderung der-selben brachten.

Durch seine Plateauformen und seine ungeheure Ver-gletscherung erinnert Kaiser Franz Joseph-Land lebhaft an West-grönland, durch das tiefe Herabreichen der Firngrenze abernoch mehr an Victorialand am Südpol. Isolirte Gruppen von