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Die Landgebiete der Polarregionen. — II. Die antarktische Region.
Einfahrt in die Cumberlandbai (Süd-Georgien).
fast in seiner ganzen cir-cumpolaren Begrenzung vonFestländern umschlossenearktische Ocean aufweist.
Das sogenannte Packeis be-steht im Wesentlichen ausSchollen von grösserer odergeringerer Mächtigkeit. Da-gegen ist der Eisberg hierdie normale Erscheinung. DieEisberge, die sich im ark-tischen Ocean nur vereinzeltzeigen, treten im antarkti-schen Ocean in einer Mengeund in einer Grösse auf, wiesie im Norden unbekanntsind. Zu Hunderten geschaart,von Nebeln umlagert und vonschwerer See bespült, ma-chen sie die Schifffahrt weitschwieriger und gefährlicherals im arktischen Ocean.
Nach C. Weyprecht spricht die endlose Zahl dieser fastnach allen Seiten vorgeschobenen Heerden von Eisbergen fürein weit grossartiger als im Norden entwickeltes Gletscher-system, und demgemäss für die Existenz grosser Länder.James Ross traf auf seiner 'denkwürdigen antarktischen Reiseeine Eiswand, die sich ungebrochen mehrere hundert Meilen(Seemeilen ?J/weit erstreckte. Senkrecht stieg sie aus dem Meereempor, dass vom rückwärtigen Lande nur die weit in der Ferneliegenden äussersten Gipfel jdes Hochgebirges darüber hervor-ragten. Die Bildung so enormer Gletscher ist nur dort möglich,wo ein Land von bedeutender Ausdehnung seinen Niederschlagin das Meer vorschiebt. Man hat in neuerer Zeit die Existenzeines antarktischen Continents zu bestreiten gesucht, allein dieQualität des Eises, welches in jenen Meeren vorkommt, lässtkeine andere Erklärung zu.
„Es ist” — schreibt Weyprecht — „noch niemals einem Schiffe gelungen, im ant-arktischen Gebiete zu überwintern undüberhaupt nur wenigen Schiffen, einiger-maassen weit in die Hauptmasse desEises einzudringen. Unsere Kenntnissvon den Eisverhältnissen und der Eis-bewegung sind in Folge dessen äusserstmangelhaft und beschränken sichgrösstentheils auf blosse Vermuthun-gen. Entsprechend den nordischen Luft-strömungen können wir annehmen,dass auch im Süden die polaren Windedie vorherrschenden sind, namentlich,wenn der Pol inmitten eines Landesvon bedeutender Ausdehnung liegt.
Im antarktischen Gebiete sind jedochdie Landverhältnisse weit einfacher undes ist deshalb die Eisbewegung eineweniger complicirte. Sie besteht imAllgemeinen in einer Verschiebung derEisgrenzen in äquatorialer Richtungund der Verlust im Sommer findetallseitig an dieser statt. Schon dieGattung des Eises bedingt eine äqua-toriale Lage der absoluten Eisgrenze.
Der massige Eisberg trotzt länger denzerstörenden Einflüssen von Luft undWasser als das Eisfeld, er schiebt sichin Breiten vor, deren Wärmeverhält-nisse das Eisfeld nicht mehr zu widerstehen vermag. Das Gleiche sehen wirauch im Norden, wo der Eisberg noch weit im Süden der äussersten Grenzen desTreibeises angetroffen wird. Die absolute Grenze des Eises schiebt sich im antarkti-schen Gebiete stellenweise über 40° Südbreite hinaus. Im Mittel erreicht sie ungefährden 50. 0 Südbreite, während die eigentliche Packeisgrenze im Durchschnitte so ziem-
Gletscherpartie in der Eisbai (Süd-Georgien).
lieh mit dem Polarkreise zusammen-fällt. Schon hieraus erkennt man deut-lich das Vorherrschen des Eisbergesgegenüber dem Eisfelde.”
Eine dem antarktischenOcean eigentümliche Er-scheinung besteht darin, dassan mehreren Stellen, wo manenergisch und mit den nöti-gen Hilfsmitteln versehen indas Eis eindrang, offenes,nahezu eisfreies Wasser ge-funden wurde. Das Packeisbildete in diesen Fällen einenbreiten Gürtel, der durch-brochen werden musste, umin offenes Wasser zu gelan-gen. Ein solchesVorschiebendes Eises kann nur dadurcherklärt werden, dass dasrückwärts liegende Land denErsatz für die durch denWind und das Schmelzwasser abgetriebene Eismasse verhindert.
Im Februar 1873 durchschiffte der „Challenger” auf seinerWeltfahrt behufs Erforschung der Tiefen des Oceans einenTheil des antarktischen Meeres (zwischen der Kerguelen-Inselund Wilkes-Land). Am 23. Februar segelte der „Challenger”durch ungeheure Eisfelder und Eisberge, deren manche, steilaus dem Wasser aufragend, die Mastspitzen um mehrere Meterüberragten (!). Der Anblick dieser schwimmenden Flotte vonkrystallenen Bergen war grossartig. Manche von ihnen hattendas Aussehen von aus Alabaster gebauten Feenpalästen mitzahlreichen Grotten und Bögen, durch welche die See ihrenSchaum spritzte. Am nächsten Morgen hinderte ein furchtbarerSturm und anhaltend schwerer Schneefall, näher an das Packeisheranzudampfen. Der Sturm war von furchtbarer Gewalt undwühlte die See gewaltig auf. Man kann sich lebhaft vorstellen,welchen Anblick die in diesem empörten Meer schaukelnden,
klirrenden und brechendenEisberge darboten. VomMasttop waren hunderte vonEisbergen zu überblicken.
Bald aber stellten sichdichte Nebel ein, welche dieGefahr ausserordentlich stei-gerten, namentlich in derdarauffolgenden Nacht. Undhierbei war der „Challenger”noch mehrere hundert See-meilen von dem Punkteentfernt, von dem aus mandie Rüsten von Wilkes-Land in Sicht bekommt,ein sprechendes Beispiel vonden Schwierigkeiten und Ge-fahren der Schifffahrt imantarktischen Ocean. Inter-essant ist auch die Mitthei-lung, dass auf den hier er-wähnten schwimmenden Eis-bergen Felstrümmer und an-dere auf den festländischen Ursprung der Eisberge hindeutendeMerkmale wahrgenommen wurden. Viele dieser Eisberge warenmit tiefem, aber sehr porösem Firnschnee bedeckt. Das eigent-liche Gletschereis hatte eine grünblaue Färbung*.
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