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können nicht erwachen, die duftige Sagen- und Märchenpoesieläßt ihre Ranken nicht zu den Fenstern der Hotelzimmer herein-wachsen. Dafür sieht der reiche Sprößling schon frühzeitig eineganze Armee Bediensteter vor ihm katzbuckeln und frühzeitigschnappt er Einzelnes aus der „pikanten" Konversation seiner Um-gebung auf; er wird altklug oder geistreich, ganz unausstehlichgeistreich. Er ist ein Mensch, der kein „Daheim" und deßwegenauch nirgends Ruhe und ächte Befriedigung hat, ein Mensch,der mit Diamanten und Perlen spielen, ganze Ländereien undMenschen dazu kaufen, niemals aber sich laben kann am Stromder Volkspoesie. Oder glaubt Ihr, daß er zum Beispiel dasseelenvolle Rückert'sche Lied „Aus der Jugendzeit" oder Cha-misso's tiefgefühlte Strophe „Ich träum' als Kind mich zurückeund schüttle mein greises Haupt!" verstehe? Kaufen kann erdie Lieder, aber der Sinn dringt ihm nicht zum Herzen.
Vom Standpunkt des „Wie theuer kann ich das haben?"können diese Leute nie lassen, und sind daher oft verletzend, ohnees zu wollen. Als der geniale Franz Liszt zu Wien, einer Ein-ladung folgend, den Salon der Fürstin Metternich betrat, redeteihn die Fürstin direkt mit den Worten an: „Nun, haben Siein Italien gute Geschäfte gemacht?"
„Ich mache Musik und keine Geschäfte, Fürstin!" versetzteerzürnt der Künstler, wandte sich um und ging.
. . . Aber ich befinde mich ja immer noch auf dem Bodan,auf dem Dampfer, der mich dem freundlichen Rorschach entführtund dem bayerischen Löwen überantwortet. Glückliche Orte, ihrschmucken Städtchen, die ihr das Licht der Welt an einem Fluß-oder Scegestade erblickt! Ihr habt es leicht, schmuck und kokettzu sein, ihr braucht euch nicht adzumüden, wie die aus trockenemAckerland Wohnenden; euch gibt's der liebe Gott im Schlaf —wir Winterthurer Landratten aber müssen uns noch verhöhnenlassen, daß wir wohl Burgernutzen, aber keinen See besitzen undnur eine Eulach, die still und verschämt wie eine Pfarrerstochter,ihren Weg wandelt, beständig in Gefahr, von etlichen durstigenHühnern ausgetrunken zu werden. Einer Kalamität vorzubeugen,
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