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Plaudereien : feuilletonistische Blätter / von Reinhold Rüegg
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83
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Und wenn du nichts zu sagen weißt,

Nimm's Madel um den Hals,

Drück ihr ein einzig Busserl aufUnd 's Madel weiß dann All's.

Ach, Lieb und Leid äußern sich auf gar mannigfache Weiseim Leben. So singt der feurige Ungar Petöfi:

Gott schlage Alles, was bös ist, nieder!

Der Zorn durchwagt mir das Herz schon wieder,

Und wild es auszischt wie Eis und Schnee,

Als ob ich wäre der Plattensee.

Verdruß durchwühlt mich stets schlimm und schlimmer,

Ich ring' mit tausend von Leiden immer,

Und wär' ich eben ein Mädchen blaß,

Ich weint' ein Dutzend Sacktücher naß.

Doch nicht mein Brod ist's Weinen, Flennen,

Wen's freut, der mag sich zum Weinen bekennen.

Ich fluch' bloß mächtig aus Herzens Born,

So bändigt selber sich flugs mein Zorn.

Ich kann dem traurigen Pärchen nicht helfen, die Erinne-rung an ein längst entschwundenes Bild taucht mit unwidersteh-licher Frische in mir auf. Ein thauiger Sonntagsmorgen hattemich zur Fußwanderung Hinausgetrieben. Vom Sonnenbrandbezwungen, lagerte ich mich in der Nähe eines Gartens für eineWeile in's hohe Gras. In dem von Reben umrankten Garten-haus saß einMaitli" von wunderbar einleuchtendem Format,mit schneeweißen, reizend zurückgeschlagenen Hemdärmeln, ganzin's Lesen eines Zeitungsblattes vertieft. Auf das Häuschen,d. h. auf die ihm den Rücken kehrende Maid trippelt aufleisen Sohlen ein junger Bursche mit verwegen züngelnder Zipfel-kappe. Endlich steht er dicht hinter der schönen Andächtigen undblitzschnell legen sich seine Hände über ihre Augen. Diese stür-mische Unterbrechung muß ihr nicht behagt haben, denn sie ent-wand sich dem ungestüm Kosenden mit den Worten:Du bistau es Chalb!" Einen flüchtigen Moment stellte die Zipfelkappedas Züngeln ein, und über die Augen des Liebenden ging ein