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sie selber im kleinen Herzchen drin tragen, oder die sie dem Windabgelauscht, der unzählige Küsse, Grüße und Seufzer hin- undherträgt, der so manche glühende Wange fächelt und dessen Rau-nen für ein liebend Herz oft ist wie ein Singen und Klingenaus Himmelshöhen, so daß es ausgeht und sehnsüchtig schwilltwie eine Dampfnudel . . .
Jetzt müssen sie weg aus der Gesellschaft der Schmetterlinge,Bremsen, Spatzen und aller übrigen unter Gottes Himmel un-niolestirt sich herumtreibenden Vaganten, der Schulsack wird ihnenumgehängt, in dem eine roh gezimmerte Tafel liegt, schwarz wiedie Sünde, man schwatzt ihnen vor, was sie jetzt alles „Schöne"lernen werden, wie der Schulmeister ein grundgescheidter Mannsei, der, im Himmel und auf der Erde bewandert, Bildung undOhrfeigen verbreite. Und sie lassen sich bethörcn durch die Zu-spräche von rechts und links, namentlich durch Einflüsterungenvon Seiten bestochener Kameraden, und troddclu mit der ver-ruchten schwarzen Tafel und dem dummen Griffel endlich davon— wenn auch schweren Herzens — und nun Adieu ihr liebenSchlingel! Jetzt geht auch für Euch ein neues Leben an, dessenThun und Trachten von dem einen leidenschaftlichen Trieb be-herrscht wird, Prügel abzuwenden, oder sie doch wenigstens demNebenmann zu gleichen Theilen mitzuverschaffm. Aber für dasUngemach, für die nach allen Himmelsgegenden fallenden Hiebegibt Euch der Lehrmeister einen entsprechenden Gegenwcrth, nachseiner unmaßgeblichen Meinung Alles, was Ihr auf Euerm Le-bensweg braucht und noch viel mehr. Er erzählt Euch vomRiesen Goliath, der noch viel größer war als der Müllerknecht,aber dazu eich'Erz-Schubiak; er eröffnet, daß es auf dieser Weltein Thierreich, ein Pflanzenreich und ein Mineralreich gibt; ermacht Euch auf den tiefsinnigen Unterschied zwischen Vorder- undHinterbeinen bei den Säugethieren aufmerksam; er „beweist"Euch mit ganz ruchloser Schärfe, daß eine gerade Linie nichtauch noch krumm sein könne; er erläutert, daß die Erde eineKugel sei und sich den ganzen Tag wie besessen herumdrehe, unddaß es arme Heidenkinder gebe, welche minder glücklich als Ihr,