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Plaudereien : feuilletonistische Blätter / von Reinhold Rüegg
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Weg weiter, so wurde auch hinten wieder fortgefahren. Natürlichwollten aber auch Andere irgend ein himmlisches Vergnügen ha-ben; man suchte dem Vordermann auf anständige Weise, d. h.ohne daß er's merkte, einen Knopf abzutrennen, und in diesemFache wurde Schönes geleistet. Zur Abwechslung wurde ihmwohl auch sorgfältig dasFazenetli" herausgezogen und an denRockzipfel geknüpft, und war endlich weder das eine noch dasandere möglich, so probirte man, ihm ein Papier mit einer sach-entsprechenden Inschrift unter den Kragen hinauszuschieben; na-mentlich derPostbueb" besaß eine wunderbare Fertigkeit, jeweilengeschwinde Demjenigen, der sich für'sAufsagen" bereit machte,irgend eine von einem Packet abgelöste Etiquette:Fahrpoststückvon Bauma nach Winterthur" u. s. w. anzukleben.

Daß es unter den ältern Jahrgängern derUnterweisungs-schüler" recht liebebedürftige Herzen und scharmante Gesichtchenhat, darüber sind die Gelehrten auf dem Lande einig in derStadt ist das wahrscheinlich anders, denn es wachsen hier haltkeine wilden Rosen und Schlehen, und in den Tanzstunden lerntman Bildung genug, um seine Gefühle säuberlich zu bezwingen.

Trotz aller Wachsamkeit des Hirten konnte denn auch nichtverhindert werden, daß mitunter recht zärtliche Blicke zwischenden'beiden Lagern gewechselt wurden und dabei thaten die schönenHelgeli" und Bildchen, welche im Gesangbuch eingestreut waren,ganz unbezahlbare Dienste. Man brauchte nur mit der andäch-tigsten Miene von der Welt das Buch jeweilen etwas auf dieSeite zu neigen, oder ein Bildchen fällen zu lassen, und dieZeichensprache war im Gang. Jetzt erscheint mir die Sache einBischen bedenklich, damals aber neigte ich mich zu einer mildernAuffassung. Die Frau Pfarrer freilich fahndete emsig auf dieleichtsinnigen Wesen, und wenn sie etwas witterte, so richtete siesich langsam in die Höhe und kratzte an der Nase, und das warfür ihren Herrn Gemahl eine telegraphische Warnung, die wiruns gesagt sein ließen. Hiebei leistete ihr übrigens ein alterStillständer Beihülfe, sofern er nämlich nicht in Gott ruhte.War dies letztere der Fall, so sah man von dem Kopfe nichts,