Das Problem der Tautochronen.
Ein historischer Versuchvon
vr. Carl Ohrtmann.
^ie Geschichte der Mathematik ist ein Feld, das von den Gelehrten unserer Zeit im Allgemeinenarg vernachlässigt wird. Außer den älteren Geschichten der Mathematik, wie der von Kästner oderder von Montucla , die beide dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft wohl nicht mehr rechtentsprechen dürsten, finden sich fast nur in den Lebensbeschreibungen berühmter Mathematiker Anden-tungen über deren wissenschaftlichen Entwickelungsgang. Trotz des großen Interesses jedoch, das dieseDarstellungen haben, ist das noch keine Geschichte der Mathematik. Denn so wichtig auch der Ent-wickelungsgang eines einzelnen Mannes für die Wissenschaft ist, es bleibt immer nur das Bild eineseinzelnen Forschers, nicht das Bild der Gesammtentwickelung, das wir erhalten. Und ein Bild derGesammtentwickelung soll doch eine Geschichte der Mathematik geben. Sie muß zeigen, wie aus deneinfachsten Anfängen heraus, im Anschlüsse an die praktischen Bedürfnisse zuerst, dann frei und selbst-ständig, sich loslösend von dem Leben, ein Problem sich an das andere reiht, ein gewonnener Satzeinen andern nach sich zieht, der Fortschritt auf dem einen Gebiete den Fortschritt auf einem anderenbedingt. Nach dieser Richtung hin aber fehlt es in der Literatur der Mathematik noch an alleinMaterial — wenigstens ist dem Verfasser trotz vieler Nachforschungen und Fragen bisher nichts derArt bekannt geworden. — Erst ganz neuerdings hat sich eine Anzahl Gelehrter gefunden, die, angeregtwie es scheint, von der Gründung des speciell diesem Theile gelehrter Forschungen gewidmeten:„LuIIktino äi 8toria 6 61 LIZIloArnüg. 61 svlsnriö inLtsiriLtielle s llsiollo" durch den FürstenBoncompagni in Rom , auch der Geschichte der Mathematik ihre Thätigkeit zugewandt haben. Aberauch die meisten dieser Arbeiten, wir nennen beispielsweise die von Friedlein, Curtze, Bretschneideru. a. m., haben fast durchgängig die Geschichte der ältesten und mittelalterlichen Mathematik zumThema, einen Theil der Geschichte, der, so interessant er auch ist, doch nur einen kleinen Bruchtheildes Gebietes umfaßt, und häufig sogar mehr von philologischem, als mathematischem Interesse ge-tragen wird. Geschichtliche Behandlungen einzelner Abschnitte oder Probleme von ihrem ersten Auf-treten bis in die neuere Zeit fehlen fast gänzlich. Dem Verfasser wenigstens sind in dieser Richtungtrotz vielen Suchens nur sehr vereinzelte bekannt geworden. Die Gründe, woher die Vernachlässigungoder dieses Vorurtheil gegen einen wesentlichen Theil der Wissenschaft unter den Mathematikern ent-standen sei, zu untersuchen, liegt dem Verfasser fern, um so ferner, als sie zum Theil in einer Ent-