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Die Sintfluthsagen / untersucht von Hermann Usener
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VI Mehrdeutigkeit mythischer bilder

bürger die aufforderung, ähnlich wie es einst die bürgenvon Phokaia gethan, den boden Roms zu verfluchen, ihmfür immer den rücken zu kehren und zu jenen glückseligengefilden auszuwandern. Es war von da nur ein kleiner schritt,den in demselben Zeitraum, nur wenig später, Yergilius voll-zog, die Wiederkehr des goldenen Zeitalters auf erden zu er-warten und zu verkünden. In einer weihevollen dichtung(ecl. IV) verknüpft er eine Prophezeiung der Sibyllinischenbücher, dass der anbruch eines neuen, glücklicheren Zeit-raums ( saeculum ) bevorstehe, mit den glückwünschen anseinen gönner CAsinius Polio zu der gebürt eines knaben 1 :in dieser gebürt sieht er den Wendepunkt der geschicke Romsund der weit, herangewachsen wird der knabe das goldeneZeitalter auf die erde zurückbringen: toto surget gens aureamundo (v. 9). Höfische Schmeichelei hat dann später neuenkaisern den gleichen rühm bereitwillig gewährt. In demhöhnenden pamphlet, das Seneca dem todten Claudius in denhimmel nachsendet, wird die neue regierung des Nero alsder anfang des 'glücklichen Zeitalters gepriesen 2 , und einhöfischer dichter, dessen namen die einzige quelle, eine hand-schrift von Einsiedeln rücksichtsvoll verschweigt, hat diezeit des Nero geradezu mit den üblichen färben des mythusals wiedergekehrtes goldenes Zeitalter verherrlicht.

Weit früher tritt bei den Juden die erwartung glück-licher Zeiten auf erden hervor. Schon das land der verheis-sung, das Moses nur von ferne schauen durfte, das land,

1 vgl. FMarx in Ilbergs Neuen Jahrbüchern 1,105 ff. Nur wollenwir uns hüten, Vergil irgendwie von jüdischer prophetie abhängig zudenken. Die beiden hierfür in anspruch genommenen bilder v. 22 und24 hat auch Horatius ep. 16, 33. 52 (in verschiedenem Zusammen-hang): Marx s. 114 macht kurzer hand Horatius zum benutzer desVergil, während Kiessling z. st. s. 419 2 mit gutem fug umgekehrturtlieilt.

2 Seneca apocoloc. 1 'anno novo, initio saeculi felicissimi, vgl.in c. 4 den vers 23felicia lassis saecula praestabit. Das Einsiedlergedieht findet man in Eieses Anthologia latina II n. 726, vgl. BuechelerRhein, mus. 26, 239.