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Die Sintfluthsagen / untersucht von Hermann Usener
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VI Mehrdeutigkeit mythischer bilder

bildern dichterischer einbildungskraft ausgestattet; es genügt,an die uns erhaltene Schilderung der wunderrebe zu erinnern.Die Montanisten haben zweifellos dies kommende erdenglücknicht bloss mit geistigen, sondern auch mit sinnlichen färbenausgemalt 1 . Und wenn auch nach der zeit des Lactantius,der noch eine sehr lebendige Schilderung dieses gottesreiclisentworfen hat 2 , die erstarkte disciplin der kirche diese träumezurückdrängte, so hat es doch bis in unser jahrhundert hineinimmer von zeit zu zeit chiliastische Schwärmer gegeben.

5 Ein besonderes wort verlangt noch die EranischeVorstellung, in welcher das bild eines in abgelegene gegendentrückten und von da wiederkehrenden paradieses mit einerverblassten und den Verhältnissen des Persischen gebirgs-landes angepassten erinnerung an die sintfluthsage verbun-den ist. In den Vendidäd haben sich zwei bruchstücke vonYima-liedern gerettet, deren zweites unsere quelle ist. Dieerzählung entbehrt des anfangs wie des endes; innerhalbdes erhaltenen hat die ermittelung metrischer form herrnGeldner gestattet, die reste der ursprünglichen dichtung schär-fer von den zwar in gleichartigen Sätzen sich bewegenden,aber prosaisch gehaltenen jüngeren Zusätzen zu scheiden 3 ,wie das in seiner Übersetzung, die ich mir unten einzurückenerlauben werde, anschaulich hervortritt. Dem göttersohneYima, der in ihrer glücklichen anfangszeit die weit beherrschthatte, wird von Ahura Mazda verkündet, dass die böse mensch-heit durch harten schneefall und daraus entstehende flutlivertilgt werden solle. Nach des gottes geheiss sticht er,offenbar (v. 31 f.) nach dem alten ritus der tibelabwehr 4 ,

1 s. Schwegler, Montanismus s. 73 f.

2 Lactantius inst, diuin. VII 24, 69. Ueberhaupt s. Münscherin Henke's Magazin 6, 233 ff. Prid. Vir. Calixti De chiliasmo cum anti-quo tum pridem renato tractatus. Helmstadi 1692, Corrodis Kritischegeschiehte des chiliasmus, 4 bände, Frankfurt 1781.

3 In Kuhns Zeitschr. f. vgl. sprachf. 25, 186 ff. Früher Wester-gaard in AWebers Ind. Studien 3, 436 ff.

4 Verhandlungen der Wiener philologenvers. 1893 s. 28 f.