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VI Mehrdeutigkeit mythischer bilder
erste eindruck, den beschreibung und abbildung macht, wirdjeden zur vermuthung führen, dass diese Schiffchen bestimmtwaren, als lampen zu dienen. Die möglichkeit dieser be-stimmung wird von gelehrten kennern der originale wie Crespiund Pais geläugnet; ich kann die frage unentschieden lassen:symbolische andeutungen der fahrt ins jenseits waren diesebeigaben der gräber in jedem falle. Zwei ähnliche Schiffchenaus gebranntem thon sind in einem der ältesten gräber vonCorneto (Tarquinii) gefunden worden 1 , ihre beschaffenheitlässt in der that nicht daran denken, dass sie hätten als lampendienen können. Und ebensowenig war an diesen zweck ge-dacht worden bei dem alterthtimlichsten stiicke, das wir bisjetzt kennen 2 : die grabungen, welche CecilSmith 1897 auf derinsei Melos vornahm, haben ein kleines boot zu tage geför-dert, das uns die primitivste form eines kalms veranschau-licht, eine thierhaut über die hölzernen schiffrippen gezogen;Loeschcke, der mich damit bekannt machte, glaubt das kleinedenkmal um 1200 v. Chr. ansetzen zu müssen. In spätererzeit hat dann der alte brauch dazu geführt, den grablampendie gestalt von schiffen zu geben. Das museum von Mar-seille 3 enthält eine thonlampe von der gestalt eines Segel-schiffes. Die lampen christlicher gräber haben nach demzeugniss de Waals und Wilperts 3 in der regel die form vonSchiffchen. Ich denke, die richtigkeit unserer herleitung desbildes ist einwandfrei. Wer daran zweifelt, möge in zurei-chender weise erklären, woher die pferde und pferdeköpfe alt-christlicher grabdenkmäler 4 kommen, wenn sie nicht mit denentsprechenden darstellungen der griechischen sog. 'todten-mahle’ und anderer grabdenkmäler verglichen werden dürfen.
1 Ghirardini in den Notizie degli scavi 1881 p. 356 f. vgl. 359und tat. v 25.
2 CSmith, Excavations in Melos 1897 (Aunual of the Britishschool at Athens 1896—7) p. 23 des Sonderdrucks.
3 WFröhner Catal. p. 325 n. 1870. — FXKraus’ Realencvklop.d. christl. alterthiimer 2, 270. 729 vgl. oben s. 128.
4 s. AMLupi’s diss. ad Seuerae mart. epitaphium p. 57 f. (anm.)mit taf. IX 1. 2 und p. 2 anm.