194. An Ferd.Weibert, Gocschensche Buchhandlung, 20. Mai 1875. 185
vorbei wäre, so hätte doch ich jetzt gerade noch einige guteJahre vor mir, um noch was Ordentliches zusammenzu-brauen, wenn ich durch das Resultat selbst zu größerer Un-abhängigkeit in der Verwendung meiner Zeit gelangenwürde.
Wegen einer Separatausgabe von „Romeo und Julie"will ich die Entscheidung ganz Ihnen überlassen. Auf dereinen Seite ist zu befürchten, daß manche ihr Gelüste oderdie Neugier ihrer Angehörigen mit dem Ankauf des kleinenBuches befriedigen, zumal diese Erzählung vom großenHaufen als eine Art Stichwort und Rosine herausgeklaubtworden ist; auf der andern Seite aber kann eine solche Se-paratausgabe wiederum als Plänkler im allgemeinen günstigwirken (wenn wir einmal als Spekulanten und Käsehändleruns ausdrücken wollen).
Wie steht's jetzt cnrch mit den neuen Gedichten Her-Uwghs? Da er tot ist, so kann er sie doch wohl nicht mehrZurückhalten, und die Frau Herwegh hat gewiß ein Inter-esse, sie herauszugeben i). Freilich, wenn neben der unzeit-gemäßen Polemik gegen Deutschland und seine Führer nichtein gewisser Stock rein poetischer Sachen da ist, welche dasBittere versüßen , so könnte die Aufnahme unerfreulich aus-fallen.
Es nimmt mich wunder, ob Rodenberg die von Ihnen
') F. Weibert an Keller, 25. Mai 1875: „Herweghs Nachlaß sollfetzt erscheinen, wie ich aus zweiter Hand erfahre. Von Frau Her-'"egh ist mir noch keine Nachricht geworden, und das ist wohl erklär-bch- Es ist ohne Zweifel, daß sich darunter vieles findet, das ich nicht»erlegen könnte, ohne der strengsten gerichtlichen Verfolgung ausgesetzt^ sein!" Der Nachlaßband erschien dann in Zürich 1877.