Band 
Zweiter Theil.
Seite
77
JPEG-Download
 

77

Freiheit. Schinznach schien ihnen ein Herd des Auf-ruhrs; man verschrie die Männer, welche dort zusammenkamen, als Neuerer, Hitzköpfe, Feinde der Ordnung,Atheisten oder mindestens Häretiker; noch mehr, als Schä-ker Montesquieu's und Rousseau's . Von Obrigkeits wegenwurde der Besuch ihrer Zusammenkünfte verboten. DerGroße Rath von Luzern war einmal auf dem Punkte,den Verkehr und Briefwechsel mit jener Gesellschaft bei900 Thaler Buße zu untersagen.^) Zn den am meistenaristokratischen Kantonen mieden wohldenkende Männer,durch Beleidigungen und Beschimpfungen eingeschüchtert,die ansteckende Gesellschaft der Bodmer, Balthasar, Hir-Zel, Jfelin, Geßner, Zimmermann und Bonstetten .

Unter diesen größtentheils bewährten Vaterlandöfreun-den that steh schon damals ein junger Geistlicher hervor,welcher später den höchsten Grad von Berühmtheit er-langte: Johann Kaspar Lavater . Feurig von Ju-gend auf, aber in christlicher Zucht erwachsen, war erkeiner andern Begeisterung fähig, als für das Gute.Sein Leben, erfüllt von Liebe zu Gott und zu den Men-schen, aber auch nicht frei von ziemlicher Eigenliebe, gieng'u seine Schriften über. Als Dichter, Prediger, Phi-losoph, Sittenlehrer, erhob ersieh, durch Klopstock begei-stert, im Schwung deS Gefühls oder des Glaubens aufjene Höhen der Betrachtung, auf welchen man zuweilendas Gleichgewicht verliert, wo aber seine Seele in reinemLichte erglänzte. In den Gedanken, die er bei jedemzu jeder Stunde nur allzu reichlich ausströmenkwß, wie in ihrer Einkleidung, athmet ein Adel christlicherGesinnung, der jetzt poch mächtiger wirkt, als das Sy-stem der Physiognomik, das seinem Namen eine gewaltige

203) Helvetia, I., 224—229.