556
Gebet.
eben durch das häufige Zusammenkommenzum G. der Brudersinn geweckt, Friedeund Eintracht aufrecht erhalten, ein Geist,dem Gott ebenso wenig zu widerstehen ver-mag, wie der Kirche selbst, deren charak-teristisches Merkmal gerade die Einheit ist.Nun ist klar, in welchem Sinne beide, derhl. Ignatius und Tertullian , Recht haben;der Erste, wenn er sagt: ,nichts ist besserals der Friede, durch den aller Krieghimmlischer und irdischer Mächte entferntwird 1 (Ad Eph. c. 13); der Andere durchdie Behauptung: ,einzig das G. ist es, wo-durch Gott besiegt wird 1 (De orat. c. 29).
Mit den öffentlichen Gebeten befrie-digte sich der Gebetseifer der ersten Chri-sten jedoch nicht; vielmehr darf man be-haupten , dass sie gerade um so regernAntheil an den gemeinschaftlichen Gebets-übungen nahmen, je mehr sie zu Hauseallein und abgesondert das G. eifrig übten.Die Privatgebete mögen daher nochkurze Berücksichtigung finden. Zu den all-gemein üblichen Gebräuchen rechnet Ter-tullian auch folgende: ,bei jedem Schrittund Tritt, beim Ein- und Ausgehen, beimAnlegen der Schuhe, beim Waschen, Essen,Lichtanzünden, Schlafengehen, beim Nie-dersitzen, überhaupt bei jeder Verrichtungdrücken wir auf unsere Stirn das Kreuz-zeichen 1 (De coron. c. 3). Wie man dieseStelle auch immerhin verstehen mag, obman sie wörtlich oder unter einer gewissenEinschränkung auffasse: das steht fest, dassdie Christen der ersten Jahrhunderte beiden täglichen Verrichtungen ihr Gemüthhäufig zu Gott erhoben, dass sie nicht blossim Allgemeinen sich öfter in Gottes Gegen-wart setzten, sondern auch bei dem erstenbesten Anlass entweder das Kreuzzeichenmachten, oder ein anderes bestimmtes G.verrichteten. Da es nicht nöthig, wol auchnicht möglich ist, über alle von Tertullian namhaft gemachten Fälle eine Spezialunter-suchung anzustellen, so wollen wir zumBeweise, dass er nicht so aufs Gerathewohlsich geäussert hat, wenigstens die Sitte desTischgebetes einer nähern Besprechungunterziehen. Betreffs der Unterweisung undErmahnung des Apostels: Jegliches Ge-schöpf Gottes ist gut und nichts verwerflich,wenn es mit Dank genossen wird; denn eswird geheiligt durch das Wort Gottes und dieAnrufung 1 ([ Tim. 4, 5), finden wir in derPraxis der ersten Christen einen unzwei-deutigen Commentar. Gleich dem hl. Pau-lus, der Gott dankte, ehe er zu essen be-gann (Act. 27, 35), haben auch die Gläu-bigen dem Essen ein G. vorausgehen undnachfolgen lassen. Seinem Grundsatz : ,dieErquickung und Nahrung der Seele mussder des Fleisches, die himmlische der irdi-schen vorangehen 1 (De orat. c. 25), giebt
Tertullian eine spezielle Anwendung, indemer das Glück zweier Eheleute, die beidechristlich sind, u. A. folgendermassen schil-dert: ,die tägliche Beobachtung der Reli-gion stösst auf kein Hinderniss; nicht heim-licher Weise bezeichnet man sich mit demKreuze, die Segnung findet nicht mit Zit-tern, noch die Danksagung ohne Wortestatt. Beide Eheleute lassen Psalmen undHymnen ertönen, und sie fordern sich ge-genseitig auf, wer wol am besten seinemGott lobsingen könne 1 (Ad uxor. II, c. ult.).Dass hier vorzugsweise das Tischgebet ge-meint sei, erhellt aus Cyprian , der seinemFreunde Donatus anräth, die Zeit des Essensan himmlischer Gnade nicht leer sein zulassen. Die Psalmen sollen beim mässigenMahle ertönen; man werde die lieben Gästeum so besser unterhalten, je mehr manihnen Geistliches zu hören giebt und reli-giöser Gesang das Ohr ergötzt (Ad Donat.c. ult.). Für die fragliche Praxis im Orientist Clemens von Alexandrien ein bewährterZeuge. Ihm zufolge wurde vor der Mahlzeitaus der hl. Schrift gelesen, nach derselbenGott gedankt, und beim Essen selbst beteteman Psalmen und Hymnen (Strom. VII 7;Paedag. II 9). Ueber die Allgemeinheit desTischsegens kann demnach kein Zweifelübrig bleiben. Da nun ein echter Gnosti-ker wie beim Essen, so auch bei allen, seies körperlichen, sei es geistigen Verrich-tungen sein Gemüth zu Gott erhob, sowurde sein Leben, wie derselbe Clemenssagt, ein beständiges Fest, ein unablässigfortdauerndes G. Demnach ist die Vor-schrift, ,allzeit zu beten 1 , streng genommennichts Anderes, als eine Ermahnung zu be-ständigem Wandel vor Gott , um fällig zusein, an gewissen Zeiten des Tages undgleichsam jeden Augenblick durch wirk-liches G. mit Gott verkehren zu können.Auf diese Weise wird der himmlische ,Staat 1auf die Erde verpflanzt. ,Da wir im Him-melreiche ohne Dazwischenkunft der Nachtnur Tag haben werden, lasst uns so desNachts wie im Lichte wachen; da wir (dortoben) ohne Unterlass beten und Gott Danksagen werden, so lasst uns auch hier nichtauf hören, zu beten und Dank zu sagen 1(Cypr. De dom. orat. c. ult.).
Das Bisherige hat uns gezeigt, dass dieKirche von Anfang an sich vorzugsweiseals eine betende Heilsanstalt dargestellt hatund dass die Christen dieser Auffassungvollends entsprachen. Mutter und Kinderglichen einander. Zuletzt bleibt uns nochdarzustellen übrig, dass auch die Haltungbeim G. der Kirche entlehnt ist.
An sich ist das Herz der geheimnissvolleBoden, auf dem der Same des Gebetes em-porwächst und zur Frucht hcranreift. Je-doch wegen der nothwendigen Wechsel-