VI
Torwort zur ersten Auflage.
und die ganze Fülle dieser Gemälde vor dem Auge sich entrollte, wer kann erzählen,was er da geschaut, gefühlt und im tiefsten Innern durchlebt hat? Sagt jaselbst Goethe: »Wenn ich hier Worte schreiben soll, so stehen mir immer Bildervor Augen: des fruchtbaren Landes, des freien Meeres, der duftigen Inseln, desrauchenden Berges; und mir fehlen die Organe, das alles darzustellen!« — Manüberschaue von S. Martino oder von Camaldoli herab, welche wundersame Einigungvon milder Schönheit, von Grösse und Erhabenheit die Natur hier vollzogen hat,wie dicht an die anmuthigsten und liinreissendsten Veduten die drohende Furcht-barkeit des Vulkans und neben dem Vergessen in der seligsten Gegenwart dieerschütternde Erinnerung an die entsetzliche Katastrophe der untergegangenenStädte sich anschliesst. Eine sinnreiche Legende erzählt, Christus sei auf seinenWanderungen vor Antritt des Lehramts einst zur Höhe der Somma gestiegen, undals er die entzückende Landschaft im Glanz der Sonne vor sich hingebreitet sah,habe ihn die Erinnerung tief geschmerzt, dass dieses Liehtgedlde als ein von Luciferbei seinem Sturz weggerissenes Stück vom Paradies zur Erde niedergefallen sei.Er weinte, und aus den Thranen wuchs die Bebe der Lacrimne Christi, das echteSymbol des neapolitanischen Landes. Wer den vollen Glanz dieses Paradiesstücksgeniessen will, der lasse sich in der Barke aufs Meer hinaus fahren und richte denBlick auf die reizenden Gruppen der Doppelbühne Neapels und rundum auf diefröhlichen Villen, die aus dem Grün der Beben, aus dem Halbschatten der Oliven-haine, aus der dunkeln Blattfülle der Agrumen hervorglänzen, ein Anblick sofreudenreicher Gegenwart, dass den Lucifer-Gedanken, welche die drei Kastellehervorrufen könnten, keine Stätte gegönnt ist.
Freilich die Menschen erinnern an das Menschliche Süditaliens; sie erlagendem schweren Geschick, dass hier in drei Jahrhunderten vier verschiedene Häuserregierten. Wenn die Strada di Borna entlang alles drängt und treibt, zu beidenSeiten die bunte Masse auf- und abwärts strömt und in der Mitte eine dreifacheBeihe von Fuhrwerken dicht aufgeschlossen sich folgt, da scheint die Stadt ganzin das Grossleben einer Weltstadt aufgegangen zu sein, und nur der ohrzerreissendeLärm charakterisirt specifisch den italienischen Südländer. Der Neapolitaner, sagtAlfieri, ist dei; grösste Meister im Schreien. Geht man in der Strada del Castellozu den Garküchen hin, wo in grossen Kesseln die Maecaroni brodeln, dann begegnetman wieder einem Stück echten naiven Volkslebens. Wer an Landfesten diekräftigen Männergestalten in ihren goldbesetzten Sammetjacken und mit Blumenund Bändern geschmückten Hüten sieht, wer das Mädchen oder die Frau das Tam-bourin und die Kastagnetten zum Tanz schlagen hört, den vermag freilich dieBomantik der Scene über die Mängel hinblicken zu lassen, die liier noch der Ent-wickelung eines wirklichen Volkslebens entgegenstehen. Der dritte Stand, der fastkeine Erziehung genoss, liefert jetzt noch die verschiedenartigsten körperlichenund moralischen Typen je nach der Skala seiner Beschäftigung und Umgebung;der Bediente und der Bauer, der Verkäufer und der Handwerker, der Kutscherund der Lazzarone sind vollständig verschiedene Charakterbilder und haben