388
887 10. Girgenti (Neue mul alte Stadt).
schaft. Die Gemcindevorstände wiesen dieSchatz- und Polizeibeamten an, Nachts vorden Tempeln Wache zu halten, denn Verreswagte die That nicht-offen. Nicht toeit vomForum Agrigents ist ein sehr heiliger undverehrter Tempel de* Herkules. Dort befindetsich ein herrliches ehernes Bild des Herku-les; nur ist die Oeffnung des Mundes unddas Kinn ein wenig abgenutzt, weil manbei Gebeten und Danksagungen das Bildnicht bloss anzubeten, sondern auch zuküssen pfiegt. Gegen diesen Tempel er-folgte mm plötzlich in einer stürmischenNacht ein Angriff bewaffneter Sklaven ausdem Haus dos Verres. Die Wächter undIliitev des Tempels erhoben ein Geschrei,wurden aber mit Keulen zurückgetrieben.Die Thürflügel wurden erbrochen ; man ver-suchte die Götterstatue mit Hebeln weg-zurücken. Aber die Agrigentiner hatten,durch das Geschrei aufgeweckt, die Waffenergriffen, warfen .Steine auf die Sklavenund trieben sie in die Flucht.«
Zu einer selbständigen Stellung kamAgrigent nicht mehr, und in den späterenZeiten blieb allmählich der ganze weiteSüdwesttlieil und auch der Ostftiigel unbe-wohnt, bis die Stadt zu ihrer jetzigen, aufdieAkropolis beschränkten Grösse, herabsank.82» bemächtigten sich ihrer die Saraeene».Erst 108(5 ward sie durch den normannischenGrafen Roger von denselben befreit, um-mauert, befestigt und zinnBischofsitz erhoben.
Die neue und die alte Stadt undihr Boden.
Die jetzige Stadt (20,646 Eimv.), ob-gleich im Gegensatz zur antiken die neuegenannt, bietet eine sehr alterthümliche,von fern sehr imposante, grau in graudie obere Fläche eines Bergrückens auf-steigend bedeckende Häusermasse dar,eine gute Stunde vom Meer entfernt. Hieroben lag einst die Burg der mächtigengriechischen Stadt. Jetzt liegen vor demEingang durch die Porta del Ponte dreihübsche Anlagen zum Genuss der unver-gleichlichen Lage Girgenti’s, unmittelbarvor dem Thor der Giardino Inglese, unter-halb desselben ostwärts die Esplanade,für nächtliche Beleuchtung eingerichtet,und oberhalb derselben die vegetations-reiche Villa, die bis zum Kastell aufsteigt.Die ganze Stadt wird von einer nicht sehrbreiten, aber mit gutem Quaderpflasterbelegten Strasse durchzogen; die Gassengegen das Westthor und theilweise auchdie gegen den Dom hinauf sind sehr ver-nachlässigt. Die mittelalterlichenMauern
zeigen hier und da noch viereckigeThiinne,die Anlage ist viereckig nach der Wind-rose und hat deshalb auch vier Thore,von denen jedoch die Porta del Ponte,wo sich die Strassen von der Eisenbahnher und vom Porto Empedocle hinan ver-einigen, den ganzen Verkehr vermittelt.Die Seitenstrassen sind meist so steil,dass sie für Wägen unpassirbar sind. Zuoberst thront die Kathedrale, und Gir-genti gilt als der reichste Bischofsitz inSicilien.
An der Ilauptstrassc erhebt sieh einsein* stattliches Präfekturgebäude, undauch das Pathhaus zeigt ein Streben nachEleganz, die sonst den meisten Häusernganz abgeht; doch sieht man hier und dabemerkenswertlie Reste mittelalterlicherArchitektur, besonders schon rcliefirtePortale. Zur Wasserleitung hat man theil -weise den antiken Aquädukt benutzt undvon llegalmare (bei Comitini) her einvortreffliches Wasser zngfdeitet, welchesvor Porta di Ponte als Fontäne empor-sprudelt. Die Balkone, meist von massi-vem Stein und mit Skulpturen geschmückt,erinnern an Spanien, wie auch die Frauendem spanischen Mauto ähnliche Shawlsüber die Kopfe ziehen; der gemeine Manuträgt gewöhnlich weisse Baumwollmütze,weisse Strümpfe, blauen Rock.
Wie jede italienische Stadt, hat auchGirgenti sein Theater, freilich für sehrentfernte Epigonen des Aeseliylos. Mecr-wärts gewähren alle Höhen umher dieherrlichsten Naturgenüsse, und kaumirgendwo kann die Schönheit eines sicili-schen Sonnenuntergangs grossartiger ge-nossen werden, ln den höher gelegenenTheilen ist die Luft gesund, westl. gegendas Flussgebiet hingegen, sowohl im un-tern Theil des Thals delle Capoline alsim Thal des Drago, herrscht Malaria. Derjetzige Hafen ist schlecht (S. 364), derantike llafen lag östlicher an der Mün-dung des Flusses.
Die alte Stadt, das Akragas der Grie-chen und Agrigentum der Römer, eineKolonie von Geht, dehnte sich ausserhalbdes jetzigen Girgentinoch2St. weiter süd-wärts liinnb und hatte lOMiglien(2Va St.)Umfang; nächst Syrakus war sie die