wichtigsten Fällen ihre Großen Räthe nach den Bedürf-nissen deS Augenblicks anwandten. Die Strafe folgte dem
Zeiten des Freistaates, so finden wir es abermals bei den Völ-kern deutschen Stammes, noch mehrere Jahrhunderte nach derVölkerwanderung. Dies ist das Zeitalter der Poesie des Rechts.Die wenig zahlreichen Formen sind im höchsten Grade solenn,allegorisch, dramatisch. Da die Phantasie bei solchen Völkernmehr entwickelt ist als die Vernunft, so können sich die Formennur durch eine mehr oder weniger schlagende Uebereinstimmungmit den auffallendsten Handlungen des öffentlichen oder Privatle-bens bei ihnen Eingang verschaffen. Wenn in der Folge diesesLeben selbst sich umgestaltet, so geht die Uebereinstimmung ver-loren, geräth in Vergessenheit, und die Forme» werden bloßeFormen ohne Geist und Leben, die zum Schutz der Rechte nichtmehr ausreichen. Die Rechtskunde verknüpft, sie unter einander,erfindet neue, das Verfahren wird nach iMi^ach mit Fiktionenund Erceptionen überladen. Der allgemeiner werdende Gebrauchder Schrift wird in die Rechtshandlungen eingeführt, aus welchener Mündlichkeit und Oeffentlichkeit verdrängt. Das verwickelterwerdende Verfahren entfernt den gemeinen Mann aus den Ge-richten, um ausschließend Juristen dahin zu berufen. Die Par-teien selber werden unfähig, ihre Sache ohne Beihülfe von Ge-setzknndigen vor Gericht zu führen. Einmal in den Händen derJuristen vorn Fache, die durch Beruf Freunde der Forme» sind,wird die Nechtskunde mehr und mehr formell, bis beim Fort-schritt der Wissenschaften die Philosophie, auch in die Wissen-schaft des Rechts eingedrungen, auf die Formen zurückwirktund dieselben, zwar nicht auf die ursprüngliche und poetische Ein-fachheit , aber zur Erreichung des Zweckes auf das absolut Noth-wendige zurückführt. In der ersten Zeit haben die Formen unterdem Einfluß der Poesie eine allegorische Zweckmäßigkeit, eineZweckmäßigkeit der Analogie; in der letzten Zeit erlangen sie un-ter dem Einfluß der Wissenschaft eine logische Zweckmäßigkeit,eine dem vorgesetzten Zweck entsprechende Einfachheit. Die da-zwischen liegenden Zeiten bieten ein Gemisch dieser beiden Eigen-schaften mit einer Anhäufung müßiger oder veralteter Formendar, und das Verhältniß dieser ungleichen Bestandtheile, wieman es während eines gegebenen Zeitraumes beobachtet, liefertden Maßstab für die innere Entwicklung der Gesellschaft zu dieserZeit."