Erster Abschnitt.
Physiographische Geologie.
Die große Mannigfaltigkeit in der Beschaffenheit der Erdoberflächeist das Resultat aller der Einzelvorgänge, welche wir unter dem Begriffedes Entwickelungsprozesses unseres Planeten zusammenfassen. Dieser Er-fahrungssatz giebt die Mittel an die Hand, aus gewissen physikalischen Ver-hältnissen der Erde Rückschlüsse auf die Entwickelungsvorgänge selbst zumachen. Auf die gedrängte Beschreibung der Erscheinungen, in welchendiese geologischen Vorgänge am unverkennbarsten ihren Ausdruck gefundenhaben, also namentlich der Gestalt unseres Planeten, der Temperaturver-hältnisse des Erdinneren, der Verteilung des Festlandes und der Ozeane,der Gebirge und Ebenen, muß sich der der physiographischen Geologie ge-widmete Abschnitt dieses Handbuches beschränken.
§ 1 . Gestalt und Gröl'se der Erde. Die Erde ist ein mit Polarab-plattung versehenes Ellipsoid, dessen Äquatorialdurchmesser 1719, dessenAchse 1713 geographische Meilen beträgt. Die Abplattung an jedem derPole beläuft sich somit nur auf 3 Meilen.*) Die Abweichung von der Kugel-gestalt ist demnach äußerst gering und scheint fast zu verschwinden, wennman in Berücksichtigung zieht, daß der Niveauunterschied zwischen demtiefsten Meeresgründe und dem höchsten Berge fast ebensoviel beträgt.
Die Ellipsoidgestalt der Erde wurde vorzugsweise durch Gradmessungenkonstatiert, welche freilich, so lange als die Kugelgestalt der Erde fürzweifellos galt, allein die Ermittelung der Erdgröße zum Zwecke hattenund erst später, als durch Pendelbeobachtungen Zweifel an der Richtigkeitder bisherigen Ansicht rege wurden, auf Feststellung der Abweichungender Erdfiguration von der Kugelform gerichtet waren.
Die Messungen der Größe der Erde beruhen auf dem Satze, daß wil-den Durchmesser einer Kugel berechnen können, sobald ein Bogen einesihrer größten Kreise, also eines Meridians der vorausgesetzten Erdkugel,
*) Nach Clarke ist der Äquatorialhalbmesser = 6378 190m, — der Polarhalb-messer = 6356 453m, — die Abplattung = ä -jj.