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Elemente der Geologie / Hermann Credner
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1. Physiographisehe Geologie.

sowohl nach seinem Winkel-, als auch nach seinem Linearmaße gegebenist. Die Winkelgröße eines Meridianbogens wurde mit Hilfe astronomischerBeobachtungen, die Länge desselben durch Messung mit der Kette oderdurch Triangulation festgestellt und nach dem Satze, daß sich der Meridian-winkel zum Kreis, also zu 360°, wie der Meridianbogen zum ganzen Meridianverhält, die Größe des letzteren berechnet.

Die Entdeckung des Jahres 1672, daß das aus höheren Breiten nachdem Äquator gebrachte Sekundcnpcndel eine geringere Anzahl von Schwin-gungen macht als früher, also verkürzt werden muß, um seinem Zwecke zuentsprechen, erschütterte das Theorem von der Kugelgestalt der Erde, aufderen Oberfläche die Schwerkraft, also auch die Zahl der Pendelschwin-gungen überall die gleiche gewesen sein würde. Die obenerwähnten Beob-achtungen gaben deshalb Newton und lluyghens Veranlassung, die Erde alsein an den Polen seiner Umdrehungsachse abgeplattetes Rotationssplniroidanzusprechen. Die Richtigkeit dieser Folgerung sollte namentlich durchGradmessungen entschieden werden, welche darauf gerichtet sein mußten,zu konstatieren, ob die Meridianbogen gleicher Winkel, also z. B. einesGrades in höheren und niederen Breiten, gleich, oder ob sie nach den Polen zu größer als am Äquator seien, wie cs bei Ellipsen mit Polarabplattung derFall ist. Zwei zu diesem Zwecke in den Jahren 1735 und 36 abgesandlefranzösische Expeditionen stellten in Lappland und in Peru Gradmessungenan, deren Resultate die Theorie von der ellipsoidischen Gestalt der Erdevollkommen bestätigten.*)

Auch durch Pendelschwingungen ist die Gestalt der Erde bestimmbar.Diese Möglichkeit beruht auf dem Gesetze, daß die Schwerkraft quadratischmit der Entfernung der Schwerpunkte abnimml. Da nun gleich lange Pendelan den Polen schneller schwingen als an dem Äquator, die Länge des Se-kundenpendels also von den Polen nach dem Äquator abnimmt,**) somüssen erstere dem Schwerpunkte der Erde näher liegen als der letztere,die Meridiane also Ellipsen sein.

Die geometrische Gestalt der Erde bezeugt die Art ihrerEntstellung. Ihre Form als Rotationsellipsoid weist darauf hin, daß sichihr Material ursprünglich in einem plastischen, einem flüssigenZustande befunden hat, und zwar erhält die Ansicht der Geologen, daß der-selbe ein glutflüssiger gewesen, durch Beobachtungen, welche in späterenAbschnitten mitgeteilt werden, einen festen Stützpunkt. Damit stimmenauch die Resultate der astronomischen Forschung überein, welche unserPlanetensystem von einem in glühend-gasförmigem Zustande befindlichen

*) Länge eines Meridiangrades in Lappland - Ml,949 km; in Peru = 11 0,608 km.

**) Länge des Sekundenpendels auf St. Thomas = 990,887 mm; auf Spitzbergen =996,043mm.