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V. Architektonische Geologie.
nisse deuten: sie beweisen, daß die dortigen Quarzitschiefer vor Beginn dersilurischen Periode aufgerichtet worden sind. Das relative Alter einerSchichtenstörung laßt sich naturgemäß um so genauer feststellen, je geringerder Altersunterschied zwischen der aufgerichteten und horizontal liegendenSchichtenreihe ist, am genauesten also, wenn beide unmittelbar aufeinanderfolgenden Formationen angehören, wie dies in den beiden oben angeführtenBeispielen der Fall war. Wäre hingegen der sibirische Schiefer von SiccarPoint (Fig. 96) statt von devonischen, z. B. von triadischen, also bei weitemjüngeren Sandsteinen bedeckt, so würde die Aufrichtung der ersteren imVerlaufe und an irgend einem Zeitpunkte der devonischen, karbonischenoder permischen Periode stattgefunden haben können, welcher nicht näherzu bestimmen ist, es würde also ein so enormer zeitlicher Spielraum ge-lassen, daß von einer näheren Altersbestimmung nicht mehr die Rede seinkönnte.
Ganz ähnlich wie das relative Alter der Aufrichtung einer Schichten-reihe, läßt sich, wenn auch weniger häufig, dasjenige des Empordringens
gewisser Eruptivgesteine be-stimmen, wie es z. B. unter dendurch Fig. 99 wiedergegebenen Ver-hältnissen der Fall ist. Hier ist aufeiner Spalte, welche das Steinkohlen-gebirge von Durham um 8 m ver-worfen hat, Melaphyr emporgedrun-gen und hat nach seiner Erstarrungeinen Gang gebildet. Auf dem durchdie Einwirkung der Gewässer geeb-neten Ausgehenden der verworfenen karbonischen Schichten c und desverwerfenden Melaphyrganges sind die Gebilde des Rotliegenden b unddes Zechsteines a abgelagert worden und in vollkommen horizontaler Lageerhalten geblieben. Daraus geht hervor: daß die Berstung und Verwerfungder karbonischen Schichtenreihe, sowie auch die Eruption jenes Melaphvres,vor die Ablagerung des Perm, also in das Ende des karbonischen Zeit-alters fällt. Das relative Alter jener Eruption ist somit konstatiert.
Wie schon öfters bemerkt (vergl. S. 185), verdanken die Gebirge demZusammenschub ursprünglich horizontal gelagerter Schichten ihren Ur-sprung, sind demnach der topographische Ausdruck großartiger Schichten-störungen. Da wir unter bestimmten Verhältnissen in den Stand gesetztsind, das relative Alter dieser letzteren festzustellen, so ist dadurch zugleichdie Möglichkeit der relativen Altersbestimmung der Gebirge ge-geben. Wenn wir also am Gehänge oder am Fuße einer Gebirgskette eineSchichtenreihe stark aufgerichtet, eine andere horizontal darüber liegensehen, so kann mit Recht der Schluß gezogen werden, daß die Faltung der