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Elemente der Geologie / Hermann Credner
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VI. Historische Geologie .

die Mannigfaltigkeit in der Gliederung der Erdoberfläche zu, je länger sichdie verschiedenartigen Einwirkungen auf diese letztere bethätigen konnten.Zugleich aber eröffnet diese allmähliche Summierung der Einzel Vorgänge undihrer Resultate bis dahin schlummernden Naturkräften ein Feld für ihreThätigkeit und bringt dadurch größere Mannigfaltigkeit in die umgestalten-den Ursachen.

Um sich dieses Entwickelungsgesetz an einem Beispiele zu vergegen-wärtigen, stelle man sich einen weiten Ozean vor. Ein Teil seines Grundeswird über den Meeresspiegel gehoben: es erfolgt eine Scheidung von Landund Wasser. Ein Strich des neu gewonnenen Festlandes wird zur Ge-birgsmasse empqrgedrängt und die Erdoberfläche in Gebirge, Ebeneund Meer gegliedert. Die bis dahin stagnierenden Wasser bahnen sichWege nach der See: es entstehen Flußsysteme, sie erhalten zugleichGelegenheit zur Ausübung ihrer thalbildenden und modellierenden Thätig-keit: zu dem früheren Landschaftsbilde gesellen sich Schluchten undThäler, abgerundete Bergrücken und steile Felsgrate. Auf ihremWege nach der Tiefe fuhren die fließenden Gewässer Gesteinsmaterial mit' sich fort, schw'emmen es nach den Mündungen der Ströme und bilden dortDeltas, und endlich bedeckt sich der nackte Felsgrund unter dem zer-störenden Einflüsse der Atmosphärilien mit Geröll, Grus und Erde,kurz, durch Summierung einander bedingender Einzelvorgänge ward derebene Meeresgrund zu einer abwechselungsreichen Landschaft.

Weit größer aber als in dem gewählten Beispiele ist die Mannigfaltig-keit der Vorgänge, deren Gesamtheit man als den Entwickelungsprozeßunseres. Planeten bezeichnet. Die glutflüssige Erde bedeckt sich mit einerErstarrungskruste; auf dieser kondensiert sich das Wasser, welchesbis dahin in Dampfform die Atmosphäre angefüllt hatte, und beginnt seinechemische zersetzende und auflösende Thätigkeit auf den Felsgrund aus-zuüben. Durch Wölbungen und Faltungen entstehen auf der Oberfläche dersich kontrahierenden Erde Kontinente und Gebirge, und erst jetzt istdas Wasser im stände, eine mechanische Einwirkung geltend zu machen;unter seinem Kreisläufe gliedert sich das Festland, während seine Nieder-schläge neue Gesteinsschichten bilden. Unterbrochen wird die Gleich-förmigkeit dieser Vorgänge einerseits durch Niveau Veränderungenund fortgesetzte Faltungen einzelner Teile der Erdkruste , andererseitsdurch vulkanische Eruptionen, welche nicht nur eine stete Umgestaltungder horizontalen und vertikalen Konturen des Festlandes, sondern auch eineVermehrung des Gesteinsmateriales auf der Erdoberfläche im Gefolge haben.Inzwischen hat sich die Erde mehr und mehr abgekühlt und so niedereTemperaturgrade angenommen, daß sich organisches Leben auf ihr ent-wickeln und ausbreiten konnte, um bald den Rang eines der wichtigstengeologischen Faktoren einzunehmen. Nach andauerndem Verluste der Eigen-