VI. Historische Geologie.
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und erlöschen, — da andererseits Abänderungen in einer Gegend, Lageund Gesellschaft nützlich, in einer anderen hingegen schädlich sein können,so stellt sich eine Divergenz des Charakters ein, der zufolge aus einerGrundform Abänderungen in ganz verschiedener Richtung entstehen, fort-dauern und sich mit der Zeit zu einander Vollkommen unähnlichen Formenherausbilden können. Dieses Entwickelungs- und Fortbildungsgesetz erklärtdie Gemeinsamkeit des Ursprunges morphologisch scharf geschiedener For-men, ja die Abstammung aller organischen Wesen, die auf Erden gelebthaben und noch leben, von einer Urform und führt, konsequent weiterverfolgt, zur Hypothese von der Generatio aequivoca, d. h. vonder Möglichkeit der Entstehung organischer aus unorganischer Materie.
Die Geologie bestätigt im allgemeinen die Theorie von dem natür-lichen Vervollkommnungsprozesse und der fortschreitenden Entwickelungder Erdbewohner und zeigt, daß im großen und ganzen ein stetiger Fort-schritt des gesamten Organismus von einfachen und niederen zu kom-plizierteren und höheren Stufen des Lebens stattgefunden hat, wenn unsereWissenschaft auch nicht im entferntesten im stände ist, die zahllosen Über-gangsformen und Verbindungsglieder zwischen den Tier- und Pflanzen-gruppen, weder der aufeinander folgenden Perioden, noch ein und des-selben Zeitalters nachzuweisen. Dies mag seinen Grund darin haben, daßnur Organismen mit Hartgebilden, sowie nur diejenigen LandbewohnerSpuren ihrer Existenz hinterlassen haben, welche zufällig vom Wasser er-griffen und vom Schlamm bedeckt worden sind, daß ferner nur gewisseSedimente den Versteinerungsprozeß begünstigen, andere aber (z. B. grobeSandsteine und Konglomerate) die Möglichkeit der Erhaltung fast vollständigausschlossen. So ist uns denn nur ein außerordentlich kleiner Bruchteil derfrüheren Tier- und Pflanzenwelten überliefert wmrden, und von diesenResten ist wiederum nur ein verschwindend kleiner Teil zu unserer Kennt-nis gekommen. Die Urkunde, welche wir von der Entwickelung der Erd-bewohner besitzen, ist deshalb höchst lückenhaft und unvollständig, dochw'erden fortwährend Funde gemacht, welche diese Lücken mehr und mehrausfüllen.
Die zahllosen Lücken, die sich in der Übergangsreihe der organischenWesen der Vorwelt von den ältesten Formationen herauf bis in die Neuzeitzeigen, haben jedoch noch einen zweiten, hochwichtigen Grund, den wirbereits auf Seite 181 und 183 einer Betrachtung unterworfen haben. Er istin den Niveauveränderungen zu suchen, von welchen die Erdober-fläche und mit ihr der Meeresgrund fortwährend betroffen wurden. Einegroße Anzahl geologischer Thatsachen, die am angeführten Orte besprochensind, beweisen diese oft wiederholten Oszillationen. Nun wissen wir aber,daß die Meeresbew'ohner durch ihre Abhängigkeit von dem Erfülltsein ge-wisser Lebensbedingungen an ganz bestimmte Niveaus oder übereinander
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