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Elemente der Geologie / Hermann Credner
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VI. Historische Geologie .

Mannigfaltigkeit zunahm, steht in einem gewissen Zusammenhänge mit denResultaten der gesamten morphologischen Wissenschaften und der Ent-wickelungsgeschichte der tierischen und pflanzlichen Einzelwesen. In derÜbereinstimmung des Bauplanes zahlreicher und mannigfaltiger Organis-men, in den Erscheinungen der Metamorphose, in der Thatsache, daß sichin aufeinander folgenden Embryonalzuständen Züge der einfacher, sowieder vollkommener organisierten Gruppen desselben Typus wiederspiegeln,spricht sich die Einheitlichkeit des gesamten Organisationsplanes der Lebe-wesen aus, sie hat ihren Ausdruck in dem allmählichen, stufenweisenErscheinen aller Typen der erdbewohnenden Organismen gefunden, einZusammenhang, welchen Darwin durch seine Transmutations- undDeszendenz-Theorie zu erklären versucht.

Als Kernpunkte der Darwinschen Hypothese sind drei Wahrnehmungenanzusehen; die erste ist die Vererblichkeit, wonach sich die Charaktereder Eltern auf ihre Nachkommen übertragen, die zweite ist die Verän-derlichkeit, durch welche diese Charaktere bei ihrer Vererbung in irgendeiner nützlichen, gleichgültigen oder schädlichen Richtung um ein Minimumvariieren können, die dritte ist das Überleben der am vorteilhaftestenausgestatteten Individuen in dem Kampfe ums Dasein, der sich ein-stellen muß, da mehr Nachkommen erzeugt werden, als möglicherweisefortleben können, weshalb alle Tiere und Pflanzen sowohl untereinander,wie mit den äußeren Existenzbedingungen um ihre Erhaltung ringen. Diegrößte Aussicht, diesen Kampf zu bestehen, die anderen Individuen zu über-leben und sich fortzupflanzen, hat die am meisten begünstigte, also die mitpassenden Abänderungen vom elterlichen Typus versehene Nachkommen-schaft. Hier trifft also die Natur eine Auswahl unter verschieden vorteil-haften Abänderungen und begünstigt vorzugsweise die Fortpflanzung dermit nützlichen Abweichungen versehenen Individuen auf Kosten der an-deren. Aus gleichem Grunde summieren sich diese nützlichen Abände-rungen bei späteren Nachkommen, bis sie endlich zu merklichen Unter-schieden heranreifen. Selbstverständlich ist die Nützlichkeit jeder Abän-derung von der Beschaffenheit der äußeren Lebensbedingungen abhängig, die fortwährende Anpassung der vorhandenen Lebensformen an dieseäußeren Verhältnisse wird von Darwin als natürliche Züchtung be-zeichnet. Das Maß solcher mit wiederholter Fortpflanzung verbundenerAbänderung ist unbegrenzt, nach Tausenden von Generationen kann des-halb eine anfänglich kaum definierbare Abweichung vom elterlichen Typusum das tausendfache gehäuft erscheinen, und aus der anfänglichen, von derUrform kaum unterscheidbaren Varietät eine vollkommen verschieden-artige Form entstanden sein. Da nun aber einerseits die mit den hervor-ragendsten Abweichungen versehenen Individuen die größte Aussicht aufFortbestand und Fortpflanzung haben, während die Mittelformen erliegen