EINWÄNDE GEGEN’ DIE THEORIE DER GENIALITÄT. 2 $
und kindischen Einfällen, zwischen Wünschen undWollen, zwischen Denken und Handeln; enorme Reiz-barkeit, äusserste Empfindsamkeit, Wankelmuth inder Liebe, lebhafte Activität im Wohlthun, plötzlichauftauchende Sympathien, hochauflodernder Enthusias-mus, tiefe Beängstigungen, unbewusste und uner-klärliche Handlungen, äusserste Bescheidenheit in derWürdigung eigener und fremder Kunstwerke, unbe-greifliche Eitelkeit in den Aeusserlichkeiten des Lebens—das sind die Züge, in denen dieSeeleMicHELANGELo’ssich äussert und die mich glauben machen, dass dergrosse Künstler an einer Nervenkrankheit, an etwas,wie Hysterie, gelitten haben muss«. In seinem Greisen-alter ist kein Tag, an dem er nicht eine seinerJugendsünden ausfindig macht; dann schickt er nachFlorenz Geld, um dafür Messen lesen zu lassen, undGeschenke für verschämte Arme, oder er lässt jungeMädchen aufsuchen, die er für die Ehe und manch-mal, seltsam genug, für das Kloster ausstattet. Allesdas thut er, um das ewige Leben zu gewinnen(Brief 187, 214, 240, 330) und seine Seele zu retten,er, der gesagt hatte: «Es ist kein Wunder, dass diepatres die Sixtinische Capelle verpfuschen, nachdemsie es verstanden haben, die ganze Welt zu verderben«.Manchmal sieht er klar und wünscht dann, zu ster-ben, um vor einem Rückfalle in sein Leiden sicherzu sein, bald aber versinkt er wieder in Rathlosigkeitund er, Michel Angelo, verwünscht selbst die Sündeals Künstler zur Welt gekommen zu sein:
Wie sehr hat meine heisse PhantasieMich irrgeleitet, als sie in der KunstMich meine Herrin, Göttin sehen Hess.
Die Tage, die in Gottbetrachtung ichVerbringen sollte, hat die WeltGeschwätzig mir gestohlen.