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ENTARTUNG UNI) GENIE.
Die Werke des Genies haben also mit Ermüdungnichts zu thun, sondern entspringen einem ohneErmüdung und unter Hyperaesthesie, grosser Ge-schwindigkeit der Perception und gesteigerter Deutlich-keit der Vorstellung verlaufenden Erregungsvorgang.
Die für geniale Naturen charakteristischen Krank-heits-Erscheinungen sind keine Ermüdungseffecte,sondern gehen der Arbeit, den Offenbarungen desGenies voraus; so Anfälle vonllallucinationen, von Deli-rium, von Epilepsie bei Moli'ere, Aleieri und Anderen.So hatte Cardanus schon im 6. Lebensjahre 1 lallucina-tionen, zeigte aber erst sehr spät Zeichen von Genia-lität; Leopardi zeigte schon von der Pubertät anden merkwürdigen Mangel an Patriotismus, der dasGenie auszeichnet. Rousseau hatte schon vor allerProduction, als Kind, krankhafte geschlechtlicheRegungen und Diebsgelüste, und Vico, Trasagua,Gratry und Mahillon erlitten erst eine Gehirn-erschütterung, ehe sich geniale Fähigkeiten in ihnenregten. Fox war als Knabe so schwach, dass er wieein Säugling getragen werden musste, lange ehe ersich geistig hervorthat, und Aehnliches ist ausder Kindheit von Voltaire und Lamennais bekannt.Auch Buckle war in der Jugend sehr schwächlichund konnte bis zu seinem 20. Jahre keine zusammen-hängenden Studien machen, konnte oft kein Blatteines Buches Umschlagen und erst nach, nicht vordiesem Schwächezustand entwarf er sein grosses Werk;mitten in dieser seiner ungeheueren Arbeit schrieber: »Meine grösste Freude ist, festzustellen, dass dieFähigkeit zu denken die einzige Function ist, diebei mir nicht gelitten hat; es ist merkwürdig, dassdie Intelligenz allein so ganz verschont bleibt, abercs ist thatsächlich so«. *)
') Buckle, Miscellaneous and posthumous works. Bd. I.