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Entartung und Genie : neue Studien / von Cesare Lombroso ; gesammelt und unter Mitwirkung des Verfassers Deutsch Herausgegeben von Dr. Hans Kurella
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GENIE UND IRRESEIN.

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eine andre Richtung an. Im Jahre 1867 (in seinem33stcn Jahre) stellten sich, vielleicht in Folge vonübermässigem Alcoholgenusse oder politischen Auf-regungen, religiöse Ilallucinationen, wie er sie schon1848 gehabt hatte, mit erneuter Lebendigkeit einund eines schönen Tages war er verschwunden. DieMadonna war ihm erschienen und auf ihren Befehlhin war er nach Rom zum Papste gegangen, um ihnan seine heilige Mission zu erinnern; der Papst wollteihm zuerst gar keine Audienz gewähren, dann em-pfing er ihn sehr höflich, rieth ihm aber doch, kalteDouchcn zu nehmen. Von hier aus ging Lazzarkttizu dem Einsiedler auf Montorio Romano, einem ge-wissen Bruder Ignatius Micus, in dessen Grotte ersich drei Monate lang aufhielt und von dem er intheologische Studien eingeführt wurde. Höchst wahr-scheinlich war es auch dieser Mönch, der ihm beidem Tättowiren jenes mystischen Zeichens auf derStirn behilflich war, das er von der Hand St. Pe-ters empfangen zu haben angab, und das er nurseinen Anhängern zeigte, während er es vor profanenAugen unter einer Stirnlocke verbarg. Er schriebdieser an eine geometrische Figur erinnernden, ausverschiedenen Linien und Puncten bestehenden Tätto-wirung, sowie noch zwei anderen, die er sich an derSchulter und an der innern Seite des Beines ange-bracht hatte, mit der besondern Vorliebe der Irrenfür dergleichen, eine geheime mystische Bedeutungzu und gab sie für die Siegel eines mit Gott ge-schlossenen Bündnisses aus.

Von dieser Zeit an bemerkte man eine tiefgehendeCharakterveränderung bei Lazzaretti , wie sie beiIrren nicht selten vorkommt. Aus dem unmässigen,fluchenden Händelsuchcr wurde ein gefügiger, ent-haltsamer Mensch; ja seine Genügsamkeit ging soweit, dass er bei dem Einsiedler in der Sabina vonWasser und Brod und etwas Salat lebte; zu andern